Engadin Skimarathon
Norbert Gütlein am 12.03.2008 - 10:28 Uhr
Die Anspannung ist kaum mehr zu überbieten. Der Elite-Startblock wurde schon auf den Weg geschickt, jetzt starren wir in der vorderen Reihe der Hauptklasse A in den grauen milchigen Dunst, wo die breite Loipe in der Weite des Silser Sees verschwindet. "Noch eine Minute" sagt der Sprecher mit bedeutungsschwerer Stimme, dazu erklingt dramatische Musik. Bei den meisten Skimarathons empfinde ich nur wenig Nervosität, aber beim Engadiner ist alles anders. Hier gibt es kein gemütliches Anlaufen, um den Körper auf Touren zu bringen. Volle Power von Anfang an ist gefordert. Das Wissen um die rund zweitausend weiteren Läufer meines Startblocks, die mir dabei im Nacken hängen, ist es vor allem, was mich so kribbelig macht. „Noch dreißig Sekunden!“ Warum das alles? Schon seit meiner ersten Teilnahme an diesem Rennen 2001, als ich, hoffnungslos in der Masse der Volksläufer in St. Moritz eingekeilt, vom Sieg von Peter Schlickenrieder erfuhr, träume ich davon, eines Tages im ersten Startblock zu stehen und gleichzeitig mit der Weltelite dieses Rennen aufzunehmen. Stufenweise bin ich in den Folgejahren in der ausgeklügelten Hierarchie des Qualifikationssystems nach oben geklettert, an der ersehnten Aufnahme in die Elite B bin ich aber bisher immer gescheitert. Heute bin ich noch einmal wiedergekommen, um einen letzten Versuch zu starten.
"Drei-zwei-eins-los!" Das Startband schnellt nach oben. Auf der dünnen Altschneedecke geht es zügig im Doppelstock dahin. Dann erste Skating-Schritte. Schließlich Platz für einen raumgreifenden 2-1er, der in der Gleitphase eine kurze Erholungspause bietet und dank meines schnellen Skis die Position im Feld noch zu verbessern hilft. Ich konzentriere mich auf meinen Schritt, gehe Scharmützeln, die Skier oder Stöcke gefährden könnten, großräumig aus dem Weg und fühle mich heute irgendwie traumwandlerisch sicher. Die Strecke ist in einem hervorragenden Zustand. Mit den ersten zweihundert Läufern meines Startblocks erreiche ich den Schanzenaufstieg. Auf der rechten Seite ist noch viel Platz. Beim Hochlaufen bremse ich mich selbst ab, um an diesem Buckel nicht schon zu übersäuern. Nach dem Durchlauf durchs Village geht es zügig in die Steigungen Richtung Stazersee. Kein Vergleich zu früheren Jahren, wo hier die Minuten verrannen, während ich im Gleichschritt mit dem großen Feld nach oben stapfte. Zwar anstrengend aber abwechslungsreich ist dieser Streckenabschnitt, der mit dem Auftritt der Alphornbläser, die heute auf der Terrasse des Restaurants am Lej da Staz stehen, gekrönt wird. Ich leiste mir zum ersten Mal eine Ablenkung und winke ihnen zu. Andere Teilnehmer machen es mir nach und wir johlen und pfeifen im Vorbeilaufen.
Die Abfahrt nach Pontresina gehe ich zunächst verhalten an. Als der dort platzierte Sprecher meinen Namen erwähnt, fasse ich mir ein Herz und lasse es laufen. Das wird mir fast zum Verhängnis, denn im unteren Teil weist die Abfahrt einige tückische Rillen auf. In Pontresina mischt sich ein bayerisches Idiom in die Stimmen, die aus dem Lautsprecher dringen. Das ist doch… - na klar! - der Schlicki, der dort das Rennen mitkommentiert und erzählt, wie ihm damals 2001 in den letzten Anstiegen die Oberschenkel gebrannt haben. Meine tun dies zum Glück jetzt noch nicht und so lasse ich das einladend aufgebaute Halbmarathon-Ziel rechts liegen und mache mich auf die zweite Streckenhälfte. Bis Muragl sind noch einige Engstellen zu überwinden, dann öffnet sich das Inntal und es heißt auf einer mit körnigem Altschnee bedeckten Piste wieder "Feuer frei!".
Bei der Verpflegung in Bever wird berichtet, dass Tor Arne Hetland im Fotofinish gewonnen hat. Gut so, denke ich mir, hinter einem Weltmeister und Olympiasieger reiht man sich gerne in die lange Ergebnisliste ein. Obwohl ich noch recht frisch bin, bekomme ich das Gefühl, dass ich im großen Feld allmählich nach hinten durchgereicht werde. Mein Ski hat merklich Federn gelassen und ich muss jetzt eine Menge tun, um einigermaßen mithalten zu können. Andererseits sind jetzt auch viele Läufer aus dem ersten Startblock auf der Strecke, die ich überholen kann. Ins Ziel ist es auch nicht mehr so weit. Ich riskiere einen Blick auf die Uhr: eine neue persönliche Bestzeit ist schon so gut wie sicher. Als echte Hürde erweist sich der kurze Aufstieg nach der Verpflegungsstelle in Zuoz, wo man fast im grundlosen Tiefschnee versinkt. Perfekt wiederum sind die Verhältnisse an den Golan-Höhen, für die ich noch einige Körner übrig habe. Mein Ski ist jetzt hoffnungslos langsam, aber in den Anstiegen kann ich den in den Abfahrten verlorenen Boden größtenteils wieder gutmachen. Trotzdem bin ich froh, als der rote Dreieckslappen den letzten Kilometer verkündet. Das nahe Ziel vor Augen merke ich, wie müde ich inzwischen bin. Meine Beine fühlen sich weich an und es will mir kein anständiger Zielsprint mehr gelingen. Völlig ausgepowert stolpere ich durch die Zeitnahme. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, dass ich unter 2:15 gelaufen bin, fast zwanzig Minuten schneller als bei meiner bisher besten Teilnahme. Noch weiß ich nicht, ob das für die Aufnahme in den ersten Startblock reicht, aber fürs erste bin ich nur noch glücklich. Für einige Minuten stehe ich mitten im Zielraum und genieße still meinen persönlichen Triumph.
Als ich schon fertig umgekleidet in Richtung Bahnhof unterwegs bin, ertönt im Zielgelände die deutsche Nationalhymne. Es ist dies die Ehrung für die Damensiegerin Katrin Zeller, die sich mit diesem Erfolg für eine tolle Weltcupsaison zusätzlich belohnt hat. Ich freue mich für die sympathische Allgäuerin und bedauere, die Siegerehrung verpasst zu haben. Im Zug lehne ich mich in meinem Sitz zurück und betrachte das lange Band der Volksläufer, die auf der anderen Talseite dem Ziel zustreben. Fast kann ich es nicht glauben, dass ich vor einer Stunde dort selbst noch gekämpft habe. Ich bin froh, heute keinen Ski mehr anschnallen zu müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass dies nur ein vorübergehender Reflex ist. Spätestens beim Skadi Loppet am nächsten Wochenende wird mich die Sucht wieder packen.
"Drei-zwei-eins-los!" Das Startband schnellt nach oben. Auf der dünnen Altschneedecke geht es zügig im Doppelstock dahin. Dann erste Skating-Schritte. Schließlich Platz für einen raumgreifenden 2-1er, der in der Gleitphase eine kurze Erholungspause bietet und dank meines schnellen Skis die Position im Feld noch zu verbessern hilft. Ich konzentriere mich auf meinen Schritt, gehe Scharmützeln, die Skier oder Stöcke gefährden könnten, großräumig aus dem Weg und fühle mich heute irgendwie traumwandlerisch sicher. Die Strecke ist in einem hervorragenden Zustand. Mit den ersten zweihundert Läufern meines Startblocks erreiche ich den Schanzenaufstieg. Auf der rechten Seite ist noch viel Platz. Beim Hochlaufen bremse ich mich selbst ab, um an diesem Buckel nicht schon zu übersäuern. Nach dem Durchlauf durchs Village geht es zügig in die Steigungen Richtung Stazersee. Kein Vergleich zu früheren Jahren, wo hier die Minuten verrannen, während ich im Gleichschritt mit dem großen Feld nach oben stapfte. Zwar anstrengend aber abwechslungsreich ist dieser Streckenabschnitt, der mit dem Auftritt der Alphornbläser, die heute auf der Terrasse des Restaurants am Lej da Staz stehen, gekrönt wird. Ich leiste mir zum ersten Mal eine Ablenkung und winke ihnen zu. Andere Teilnehmer machen es mir nach und wir johlen und pfeifen im Vorbeilaufen.
Die Abfahrt nach Pontresina gehe ich zunächst verhalten an. Als der dort platzierte Sprecher meinen Namen erwähnt, fasse ich mir ein Herz und lasse es laufen. Das wird mir fast zum Verhängnis, denn im unteren Teil weist die Abfahrt einige tückische Rillen auf. In Pontresina mischt sich ein bayerisches Idiom in die Stimmen, die aus dem Lautsprecher dringen. Das ist doch… - na klar! - der Schlicki, der dort das Rennen mitkommentiert und erzählt, wie ihm damals 2001 in den letzten Anstiegen die Oberschenkel gebrannt haben. Meine tun dies zum Glück jetzt noch nicht und so lasse ich das einladend aufgebaute Halbmarathon-Ziel rechts liegen und mache mich auf die zweite Streckenhälfte. Bis Muragl sind noch einige Engstellen zu überwinden, dann öffnet sich das Inntal und es heißt auf einer mit körnigem Altschnee bedeckten Piste wieder "Feuer frei!".
Bei der Verpflegung in Bever wird berichtet, dass Tor Arne Hetland im Fotofinish gewonnen hat. Gut so, denke ich mir, hinter einem Weltmeister und Olympiasieger reiht man sich gerne in die lange Ergebnisliste ein. Obwohl ich noch recht frisch bin, bekomme ich das Gefühl, dass ich im großen Feld allmählich nach hinten durchgereicht werde. Mein Ski hat merklich Federn gelassen und ich muss jetzt eine Menge tun, um einigermaßen mithalten zu können. Andererseits sind jetzt auch viele Läufer aus dem ersten Startblock auf der Strecke, die ich überholen kann. Ins Ziel ist es auch nicht mehr so weit. Ich riskiere einen Blick auf die Uhr: eine neue persönliche Bestzeit ist schon so gut wie sicher. Als echte Hürde erweist sich der kurze Aufstieg nach der Verpflegungsstelle in Zuoz, wo man fast im grundlosen Tiefschnee versinkt. Perfekt wiederum sind die Verhältnisse an den Golan-Höhen, für die ich noch einige Körner übrig habe. Mein Ski ist jetzt hoffnungslos langsam, aber in den Anstiegen kann ich den in den Abfahrten verlorenen Boden größtenteils wieder gutmachen. Trotzdem bin ich froh, als der rote Dreieckslappen den letzten Kilometer verkündet. Das nahe Ziel vor Augen merke ich, wie müde ich inzwischen bin. Meine Beine fühlen sich weich an und es will mir kein anständiger Zielsprint mehr gelingen. Völlig ausgepowert stolpere ich durch die Zeitnahme. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, dass ich unter 2:15 gelaufen bin, fast zwanzig Minuten schneller als bei meiner bisher besten Teilnahme. Noch weiß ich nicht, ob das für die Aufnahme in den ersten Startblock reicht, aber fürs erste bin ich nur noch glücklich. Für einige Minuten stehe ich mitten im Zielraum und genieße still meinen persönlichen Triumph.
Als ich schon fertig umgekleidet in Richtung Bahnhof unterwegs bin, ertönt im Zielgelände die deutsche Nationalhymne. Es ist dies die Ehrung für die Damensiegerin Katrin Zeller, die sich mit diesem Erfolg für eine tolle Weltcupsaison zusätzlich belohnt hat. Ich freue mich für die sympathische Allgäuerin und bedauere, die Siegerehrung verpasst zu haben. Im Zug lehne ich mich in meinem Sitz zurück und betrachte das lange Band der Volksläufer, die auf der anderen Talseite dem Ziel zustreben. Fast kann ich es nicht glauben, dass ich vor einer Stunde dort selbst noch gekämpft habe. Ich bin froh, heute keinen Ski mehr anschnallen zu müssen. Aus Erfahrung weiß ich, dass dies nur ein vorübergehender Reflex ist. Spätestens beim Skadi Loppet am nächsten Wochenende wird mich die Sucht wieder packen.
Foto: Engadin Skimarathon
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