Die Anzeichen hatten sich in den letzten Monaten vermehrt, jetzt ist es offiziell: Johannes Rydzek (GER) wird am Sonntag am Holmenkollen seinen letzten Wettkampf bestreiten. Wir blicken zurück auf eine große Karriere – und eine großartige Sportlerpersönlichkeit, die von seinen Weggefährten wertgeschätzt wird.
„Nur Liebe für den Sport“
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„Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen!,“ sagt Rydzek. „Es fühlt sich im Moment richtig an, ich bin voll mit mir im Reinen. Es ist schön, aktuell noch einmal der Beste im deutschen Team sein zu dürfen. Im Gepäck nach Norwegen sind ganz viele Emotionen, auch Wehmut ist mit dabei. Es waren so viele schöne Momente, die ich in dieser Saison noch einmal erleben durfte – auch wenn Olympia nicht so verlaufen ist, wie man es sich vielleicht erträumt hatte. Allein noch einmal zu Olympischen Spielen fahren zu dürfen, die Podestplätze im Saisonverlauf, das Skifliegen, der Mixed-Team-Sprint – das sind so schöne Erlebnisse, die ich noch einmal hatte. Jetzt ist dieser Moment, an dem ich sage: Es ist schön, was ich erreichen und erleben durfte, und an der Zeit, an einem Höhepunkt – auch wenn es im Vergleich zu anderen Erfolgen ein kleiner Höhepunkt ist – abzutreten.“ Zu der Freude über das Erreichte mischt sich aber auch Wehmut: „Gleichzeitig tut das aber auch weh. Ich war mehr als die Hälfte meines Lebens im Weltcup unterwegs. Diesen Weg, mit diesen Momenten und den Menschen, die ich kennenlernen und erleben durfte, werde ich auch vermissen. Ich möchte der Kombination in irgendeiner Form erhalten bleiben. Weil mir dieser Sport so viel gegeben hat, wird er auch immer einen ganz großen Platz in meinem Herzen haben. Schön ist auch, dass ich persönlich einen so erfolgreichen und versöhnlichen Abschluss der aktiven Laufbahn erlebe. Das ist nicht jedem vergönnt, ohne jede Bitterkeit zu gehen – da ist nur Liebe für den Sport. Am Sonntag werde ich mich noch einmal feiern lassen, dann freue ich mich auf alles, was danach kommt. Meine Frau, meine Familie und meine Freunde sind hie und da doch etwas zu kurz gekommen. Und ich habe auch andere Interessen, in die ich sehr gut Zeit investieren kann.“
18 Jahre Spitzensport
Sportlich blickt der Allgäuer auf eine beeindruckende Bilanz zurück. 18 Jahre liegen zwischen seinem ersten Auftritt bei den „Großen“ beim Sommer Grand Prix in Oberstdorf im Jahr 2008 und seinem letzten Wettkampf. Bereits damals, im zarten Alter von 16 Jahren, galt Rydzek als großes Talent und Hoffnungsträger. Er sollte die Erwartungen mehr als erfüllen. Sein Weltcup-Debüt gab er etwas überraschend 2008 in Lahti, einer Stadt, die in seiner Karriere eine wichtige Rolle spielen sollte. Bei Junioren-Weltmeisterschaften von 2009 bis 2011 gewann er zweimal Gold sowie Silber und Bronze. Zwischen 2011 und 2026 stand er 47-mal auf dem Weltcup-Podium, davon 18-mal ganz oben. Besonders herausragend war die Saison 2016/17: Acht Weltcupsiege und insgesamt 17 Podestplätze krönte er bei den Nordischen Weltmeisterschaften in Lahti mit einem historischen Vierfach-Triumph. Auch bei Olympischen Spielen hinterließ Rydzek bleibende Spuren. Bei fünf Teilnahmen gewann er insgesamt vier Medaillen – darunter zwei Goldmedaillen, eine davon im Einzel bei den Spielen von Pyeongchang. Zwischen seinem Olympia-Debüt 2010 in Whistler und den Wettkämpfen 2026 in Cortina d’Ampezzo erreichte er in 13 Starts gleich zehnmal eine Top-8-Platzierung. Bei den FIS-Nordischen Ski-Weltmeisterschaften folgten zwischen 2011 und 2025 insgesamt 14 Medaillen, darunter sieben Titel – vier im Team und drei im Einzel. Mit dem letzten Rennen am Holmenkollen kommt Rydzek auf insgesamt 336 Weltcupstarts seit seinem Debüt 2009, 301 davon im Einzel. Insgesamt sammelte er im Weltcup 71 Podestplätze, darunter 26 Siege – 18 im Einzel und acht im Team. Der Tiefpunkt seiner Karriere war sicherlich ausgerechnet 2021 bei der Heim-WM in Oberstdorf, als er aufgrund schwacher Leistungen nur zu einem Einsatz kam und dann zuschauen musste. Doch Rydzek gab nie auf, und kämpfte sich einige Zeit später wieder bis in die Weltspitze.
„Sprachrohr und Aushängeschild“
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Diese Mentalität und das Kämpferherz waren ein wichtiger Teil dessen, was ihn all die Jahre auszeichnete. Besonders in den letzten Jahren gab er seine Erfahrung jedoch auch immer öfter weiter an die Nachwuchssportler im Team. Auch zum Team der deutschen Kombiniererinnen entwickelte er eine enge Beziehung. Seine Mannschaftskameraden würdigen in ihm nicht nur den großartigen Sportler, sondern mehr noch den Menschen Johannes Rydzek.
Eric Frenzel: „Ein erneuter Wermutstropfen, dass Johannes seine Karriere jetzt beendet. Er hat sich tatsächlich noch einmal bis in die Weltspitze nach vorne gekämpft. Das zeigt, zu was er imstande ist – davor kann man nur den Hut ziehen! Über so viele Jahre auf einem so hohen Leistungsniveau performen zu können, immer wieder parat zu sein bei Großereignissen – das ist nicht einfach, das war großartig. Ich bin dankbar, so viele Jahre mit ihm verbracht zu haben. Als Sportler, aber auch als Trainer: die Arbeit mit einem Athleten, der immer wieder bereit war, mit Wille und Ehrgeiz alles zu geben, Tag für Tag, mit enorm hoher Motivation über so viele Jahre – das schaffen nicht viele, Johannes ist eine Ausnahme. Darauf kann er stolz sein, aber auch wir als Deutscher Skiverband, dass wir so einen Sportler in unseren Reihen hatten. Es bleibt ein bisschen traurig, ihn zu verlieren. Ich wünsche ihm nur das Allerbeste für seine Zukunft.“
David Mach: „Johannes ist ein ganz, ganz Großer, das ist eine Wahnsinnskarriere, die er hingelegt hat! Die Anzahl der Erfolge ist das eine, ich habe ihn jetzt aber auch über Jahre als Teamkollegen erlebt und war oft mit ihm auf dem Zimmer. Was für mich an seiner Karriere heraussticht ist, wie er es geschafft hat, sich immer wieder mit einem wahnsinnigen Ehrgeiz aufzuraffen und sein Niveau zu steigern, sich den Gegebenheiten anzupassen. Und er dann in eigentlich ganz verschiedenen Zeiten dieser Sportart erfolgreich war und die Jungen, die nachrückten, hinter sich in Schach gehalten hat. Gerade in seiner letzten Saison hat er sich noch einmal wahnsinnig in Form gebracht – da kann man nur den Hut ziehen! Ein toller Teamkollege, von dem ich viel lernen konnte, mit dem ich mich auch gut verstehe und mit dem ich hoffentlich in Kontakt bleiben werde.“
Julian Schmid: „Mit Johannes verlässt uns einer der Größten unseres Sports. Herausragend – einer, der eine ganze Generation geprägt hat. Der speziell in den letzten Jahren viele junge Sportler motiviert hat, das macht ihn auch aus. Er bringt perfekt rüber, was es in unserem Sport braucht: Ehrgeiz, Mut, auch mal etwas Neues auszuprobieren – auch im ‘höheren’ Alter, das hat er zuletzt noch einmal gezeigt. Er wird ein großes Loch hinterlassen, man kann ihm nur zu einer außergewöhnlichen Karriere gratulieren und das Beste wünschen.“
Jenny Nowak: „Ich weiß gar nicht, wo man bei so einer krass guten und bewundernswerten Karriere anfangen soll: Johannes ist mehrfacher Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister, mehr kann man einfach nicht erreichen. Er kann sehr stolz sein auf das, was er selbst erreicht hat, aber auch auf das, was er der Sportart gegeben hat – für die er sich immer eingesetzt hat, vor allen Dingen auch für uns Mädchen. Über die Jahre haben wir ein enges Verhältnis entwickelt, er hat mir in vielen Dingen sehr geholfen, auch und insbesondere wenn es mal nicht so gut gelaufen ist. Bei Johannes konnte ich mir immer gute Tipps holen, er hat mir und uns Frauen extrem viel geholfen! Man kann sehr viel von ihm lernen, es ist sehr schade, dass er aufhört – aber er hat alles erreicht. Ich hoffe, dass er in Oslo einen schönen Abschluss erleben darf und freue mich, dass ich dabei bin. Ich wünsche ihm nur das Beste für das, was danach kommt. Ich danke Johannes Rydzek für das, was er für die Sportart getan hat.“
Nathalie Armbruster: „Ich kann einfach nur betonen, wie dankbar ich für all die Momente bin, die wir gemeinsam erleben durften – Johannes und ich. Er ist ein unglaublich großartiger Sportler, aber ein noch viel tollerer Mensch. Die Lücke, die er in unserem Team hinterlassen wird, ist riesig, und ich werde ihn unfassbar vermissen. Es ist verrückt: Wer hätte damals gedacht, dass die kleine Nathalie, die ein riesiger Fan von Johannes Rydzek war, irgendwann einmal seine Teamkollegin sein würde? Ritzi ist wirklich so geblieben, wie ich ihn immer wahrgenommen habe – unglaublich bodenständig. Er war immer das Bindeglied zwischen dem Damen- und dem Herrenteam und für mich persönlich ein Mentor, irgendwie auch wie ein großer Bruder. Ich bin ihm wirklich unfassbar dankbar. Und es ist einfach toll, dass ich ein kleiner Teil seiner großartigen Sportlerkarriere sein durfte.“
Ronny Ackermann: „Johannes Rydzek war 15 Jahre lang in der Weltspitze und hat so ziemlich alles gewonnen, was man in unserer Sportart gewinnen kann. Er war immer ein Sportler, der sehr trainingsfleißig war und der Lust hatte, seine Grenzen zu verschieben – den man im Training eigentlich eher immer etwas bremsen musste, damit er nicht zu viel macht. Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, mit ihm zusammenzuarbeiten. Seine herausragendsten Saisons waren sicher die Jahre 2017 und 2018 – als er in Lahti bei der WM zum Beispiel alle vier möglichen Titel gewonnen hat und in Pyeongchang dann Doppel-Gold. Herausragend war auch seine Karriere insgesamt, auch seine Konstanz über lange Jahre im Weltcup. Johannes war immer eine feste Bank im Team, auf ihn konnte man sich einfach verlassen. Ich wünsche Johannes – und bin mir sicher –, dass er seinen Weg auch nach der Karriere geht und unserem Sport vielleicht in irgendeiner Form erhalten bleiben kann. Sei es, jungen Talenten seine Erfahrung weiterzugeben oder dem Sport weiterzuhelfen – denn er ist ein Sprachrohr und Aushängeschild für diese Disziplin!“
Fabian Rießle: „Eine beeindruckende Karriere – in der vielleicht auch ein, zwei schlechtere Saisons dabei waren. Johannes war außergewöhnlich lange international erfolgreich. Er hat sich aber speziell in den letzten zwei Jahren noch einmal zurückgekämpft in die Weltspitze und noch einmal bewiesen, dass er zu den besten deutschen Athleten gehört – zuletzt mit dem Teampodest in Lahti. Chapeau, was für eine krasse Karriere!“
Horst Hüttel, Sportdirektor Weltcup Skisprung/Nordische Kombination: „Mit Johannes Rydzek verlässt einer der erfolgreichsten und prägendsten Athleten die internationale Bühne der Nordischen Kombination. Ich kann mich noch an seine Schülercupzeiten erinnern: Johannes gehört dem extrem erfolgreichen ‘goldenen’ Jahrgang 1991 an, aus dem im Skispringen und in der Nordischen Kombination extrem viele Athleten den Weg bis in die Nationalmannschaften geschafft haben: Rydzek, Bodmer, Kraus, Morweiser, Freitag, Eisenbichler – da war Johannes von Anfang an dabei. Es folgten sehr erfolgreiche Jugend- und Juniorenjahre, inklusive einer erfolgreichen Heim-Junioren-WM in Hinterzarten 2010. Daran anschließend folgte 16 Jahre lang eine fast beispiellose internationale Karriere – man kann nur den Hut ziehen vor einem so tollen Athleten! Prägend waren sicher die beiden Jahre 2017 und 2018, mit den vier WM-Titelgewinnen in Lahti und zwei olympischen Goldmedaillen im Jahr darauf bei Olympia in Südkorea. Rückblickend sind drei Trainer an dieser Sportlerkarriere maßgeblich beteiligt gewesen: Thomas Müller, sein Heimtrainer in Oberstdorf, Andreas Bauer, der Johannes als Co-Trainer der A-Mannschaft viel im Skisprungbereich mit auf den Weg gegeben hat, und Hermann Weinbuch als der Bundestrainer, der Johannes geformt und geführt hat. Neben vielen anderen hat Johannes diesen drei Personen einiges zu verdanken. So wie umgekehrt jeder, der mit Johannes zusammengearbeitet hat, Johannes viel zu verdanken hat – weil er immer viel von dem zurückgegeben hat, was an Arbeit in ihn investiert wurde. Ich wünsche Johannes alles erdenklich Gute für seinen weiteren Weg. Johannes Rydzek war auch einer der ersten, der immer ein offenes Ohr für die Belange der Damen-Kombination hatte und hat. Das war und ist toll anzusehen.“
Hermann Weinbuch: „An Johannes erinnere ich mich noch sehr gut. Ich habe ihn damals kennengelernt – ich glaube, das war 2008 in Lahti. Bei uns war im Weltcup kurzfristig ein Athlet ausgefallen. Johannes war zu diesem Zeitpunkt noch im C-Kader. Er war mit Frank Erlbeck auf einem Lehrgang in Lillehammer, und ich habe ihn abends angerufen und gesagt: Bei uns ist einer ausgefallen, wir hätten einen Weltcup-Platz frei. Hast du einen, der das schafft, hier in Kuusamo auf der Großschanze zu bestehen? Er hat gesagt: Ja, ich habe einen – Johannes Rydzek. Dann haben wir eine richtige Nacht-und-Nebel-Aktion gestartet und ihn von Lillehammer nach Kuusamo fliegen lassen. Da war er erst 17 oder 18 Jahre alt. Er hatte natürlich kein richtig taugliches Wettkampf-Outfit. Wir haben dann von einem anderen Springer einen Sprunganzug genommen, und Kai hat die ganze Nacht daran genäht und ihn auf Johannes umgeschneidert, damit er überhaupt wettkampffähig war. Am nächsten Tag war offizielles Training, und da hat er sich schon ganz ordentlich präsentiert. Im Wettkampf hat er dann wirklich hervorragende Leistungen gezeigt. Den genauen Platz weiß ich heute nicht mehr, aber es war gleich eine Top-Leistung. Ab diesem Zeitpunkt ist er eigentlich nicht mehr aus dem Weltcup herausgefallen. Er hat diese Chance, die aus dem Nichts kam, voll genutzt und ist im Weltcup richtig eingeschlagen. Ab da war er auch Teil der A-Mannschaft. Seine Laufbahn war geprägt von sehr vielen Höhen, aber auch von Tiefen. Johannes ist extrem ehrgeizig und hat sich immer wieder aus Rückschlägen herausgearbeitet. Das zeichnet ihn aus. Er ist ein fleißiger Arbeiter, gepaart mit sehr viel Talent, und hat es immer wieder geschafft, sich aus schwierigen Situationen zurück zu kämpfen. Schade ist natürlich, dass er bei den letzten Olympischen Spielen, bei denen er sich noch einmal richtig in Topform gebracht hat, am Ende doch keine Medaille gewonnen hat, die er sich durchaus verdient gehabt hätte. Er war in Topform und einer der stärksten Athleten im deutschen Team.
Was ich besonders bewundere: In diesem Alter und nach den vielen Rückschlägen immer wieder aufzustehen und zur alten Stärke zurückzufinden – das ist eine grandiose Leistung. Seine größten Erfolge waren natürlich die Weltmeisterschaften 2017 in Lahti, wo er alles gewonnen hat. Da hat er uns alle überrascht und war unglaublich stark. Wenn Johannes in guter Form war und gewonnen hat, war er schwer zu schlagen. Andererseits konnte er auch schnell wieder unsicher werden. Sein großer Ehrgeiz hat ihn manchmal auch unter Druck gesetzt, sodass er sich selbst im Weg stand. Aber genau an diesen Schwächen hat er sehr konsequent gearbeitet. Dadurch ist er auch persönlich enorm gereift. Er ist ein Kombinierer, wie er im Buche steht: fleißig, talentiert, vielseitig, mannschaftsdienlich und respektvoll. In unserer Sportart muss man demütig bleiben, weil man ständig mit zwei Disziplinen und auch mit eigenen Schwächen konfrontiert ist. Diese Demut zeichnet ihn aus. Gleichzeitig tritt er selbstbewusst und respektvoll gegenüber anderen auf. Ich bin sehr stolz auf seine Erfolge, aber auch auf seine Entwicklung als Persönlichkeit. Da ist er wirklich zu einem großen Sportler geworden. Wir im Deutschen Skiverband können sehr stolz sein, so einen Athleten zu haben, der sich auch für die Gemeinschaft engagiert hat – etwa als Athletensprecher. Da kann der Deutsche Skiverband und der deutsche Sport insgesamt sehr stolz sein, jemanden wie Johannes Rydzek in seinen Reihen zu haben.“
Bildergalerie zur Karriere von Johannes Rydzek


















































