Jessie Diggins ist ein Mensch, der als Sportlerin und durch ihre Persönlichkeit im Langlauf fehlen wird. Wir fassen ihre erfolgreiche Karriere und ihr Leben außerhalb des Sports zusammen.
Früh auf Ski – aber spät erst professionelles Training
Jessie Diggins wuchs mit ihren kanadischstämmigen Eltern Clay und Deb und Schwester Mackenzie im Mittleren Westen im Speckgürtel der Twin Cities Minneapolis und St.Paul auf, wo ungefähr jeder Zehnte der 3,6 Millionen Einwohner der Metropolregion Langlauf betreibt. Als Kind ging sie in ihrem 2800 Einwohner-Vorort Afton fast jedes Wochenende mit ihren Eltern zum Langlauf und fand viel Spaß an der Freizeitbeschäftigung. Nebenbei beschäftigte sie sich aber auch noch mit Tanzen, Fußball pielen, Violine spielen, Schwimmen und Laufen. Zwar trat sie in der Junior High und High School dem Schulteam im Langlauf bei, ernsthaft betrieb sie aber erst ab der späten Jugend Langlauf, als sie zu den ersten Nor/Am-Cups und Junioren-Weltmeisterschaften mitgenommen wurde. Das war ab 2009 der Fall und zwei Jahre später debütierte sie bereits mit 19 Jahren im Weltcup und nahm eine Woche später bereits an ihrer ersten großen WM in Oslo teil, wo sie zweimal unter die besten 30 lief. Nun war auf auf der großen Bühne und ganz nah dran an ihrem großen Idol Kikkan Randall, die 2009 als erste amerikanische Langläuferin eine WM-Medaille gewonnen hatte. Mit Postern ihres Vorbilds war die Wand ihrer Wachskabine gepflastert „und ist es auch heute noch“, sagte sie in einem Interview 2012, als sie schon längst an der Seite der großen Kikkan unterwegs war, die in dem Jahr erstmals den Sprintweltcup gewann.
Zweimal Teamsprint-Gold mit Kikkan Randall
Während sie immer wieder sagte, keine Lieblingsdistanz zu haben, sehr wohl aber die Skatingtechnik bevorzuge, weil man dort kein Steigwachs braucht, feierte sie ihren ersten großen Erfolg im Weltcup als Teamsprinterin zusammen mit ihrem großen Idol, Kikkan Randall. „Das war cool. Ich habe vorher noch nie einen Teamsprint bestritten. Es war eine Lernerfahrung für mich, auch wenn ich einige Male stürzte an diesem Tag. Mit Kikkan und Chandra und Perianne als zweitem nordamerikanischen Team auf dem Podium zu stehen – das war ein WOW-Moment“, sagte sie im FIS-Interview. Nur ein Jahr später wurden beide zusammen Weltmeisterinnen im Val di Fiemme. Mit dem ebenfalls historischen Olympiasieg 2018 setzte das Duo noch einen drauf, womit Kikkan Randall dann ihre Karriere beendete. Während bei deutschen Langlauf-Fans inzwischen JJ Riecks „Ja, hast du denn die Pfanne heiß?“ Kultstatus hat, ist es in den USA der Ausruf von NBC-Langlauf Experte Chad Salmela, der mehrfach rief „Here comes Diggins, here comes Diggins!“, als sie auf der Zielgeraden mit Dreikampf mit Schweden und Norwegen noch Stina Nilsson überholte und mit Kikkan Randall Olympiasiegerin wurde. Zum Zeitpunkt von Kikkan Randalls Rücktritt war Jessie schon längst selbst in der absoluten Weltspitze angekommen. Ihre ersten drei Weltcupsiege feierte sie bei Etappen über fünf Kilometer im Einzelstart, bald darauf folgten aber auch Siege auf anderen Distanzen.
Viermal Gesamtweltcup ab 2020 durch neue mentale Stärke
Die Corona-Zeit stellte dann eine Wende für Jessie Diggins dar. Sicher kam ihr zu Gute, dass andere aus Angst vor Infektionen Weltcups ausließen. In erster Linie hatte es aber mentale Gründe, dass Jessie ab diesem Zeitpunkt ein neues Kapitel in ihrer sportlichen Karriere aufschlug und stärker war als je zuvor. Im März veröffentlichte sie ihre Biografie „Brave Enough“, im April gab sie ihre Verlobung bekannt, was ein „Silberstreif“ in der schwierigen Zeit des ersten Corona-Lockdowns war. Das Buch geht weit über eine reine Aufzählung sportlicher Erfolge hinaus und wird oft als „Charakterstudie“ beschrieben: Der zentralste und bewegendste Teil ist ihre detaillierte Schilderung ihrer Essstörung als Teenager. Sie beschreibt den Druck, eine Musterschülerin und Spitzenathletin zu sein, der in heimliches Erbrechen und Lügen mündete, bis sie sich im „Emily Program“ Hilfe suchte, die seit 2018 auch ihr Kopfsponsor waren. 2020/21 gewann sie ihre ersten Kristallkugeln für den Distanzweltcup und auch die große für den Gesamtweltcup und ab 2023/24 gelang ihr noch dreimal in Folge das Double. Im Sprintweltcup blieb Platz vier ihr bester Gesamtrang. Insgesamt feierte sie 33 Weltcupsiege stand 90 mal auf dem Podium, gewann dreimal die Tour de Ski sowie Gold, Silber und zweimal Bronze bei Olympischen Spielen und zweimal Gold, dreimal Silber und zweimal Bronze bei Weltmeisterschaften.
Immer über dem Limit und als Glitzerfee unterwegs
In ihrer Karriere war Jessie Diggins bekannt dafür, über ihre körperlichen Grenzen hinaus zu gehen und buchstäblich bis zum Umfallen zu kämpfen, was andere Athletinnen aber nie gerne hörten, weil sie ja genauso alles gaben und oftmals nicht mehr klar sehen konnten, wenn sie ins Ziel kamen. Jessie gab aber auch zu, dass diese Haltung körperlich nicht gesund ist, gab aber dennoch bis zum Ende ihrer Karriere immer 110 Prozent. Generell tat sie immer an – entweder hatte sie eine robuste Gesundheit und wurde nie krank oder sie lief trotzdem. So hielt sie es zumindest bei Verletzungen, die sie nicht ausbremsen konnten. Egal ob es eine Plantarfasziitis unter dem Fuß mit Sehnenanriss war oder ein gebrochener Zeh vier Wochen vor dem Saisonstart – Jessie machte einfach weiter. In ihrer Biografie erklärt sie auch ihre Fähigkeit, extreme physische Schmerzen während eines Rennens zu ertragen und wie sie lernte, ihre psychologischen Grenzen zu verschieben. „Ich mag es sehr, wenn man im Rennen so richtig hart kämpfen kann. Es ist erstaunlich, wenn man sieht, zu welchen Höchstleistungen man seinen Körper treiben kann. Es ist toll, wenn man merkt, ‚Wow, ich bin schnell!‘ Ich betreibe Skilanglauf wegen dem Gefühl, schnell zu sein und den Körper ans Limit zu bringen. Das sorgt hinterher für ein gutes Gefühl“, sagte sie einmal. Ein weiteres Erkennungszeichen der Amerikanerin ist das Glitzerpuder auf den Wangen. Was als kleiner Glücksbringer in der High School startete, entwickelte sich über die Jahre zu ihrem weltweiten Markenzeichen und einem Symbol für das gesamte US-Skilanglaufteam bei Staffelrennen. Für Jessie Diggins ist der Glitzer weit mehr als nur ein modisches Accessoire; er dient als wichtiges mentales Werkzeug, weil sie vor Rennen oft so nervös war, dass sie kaum funktionieren konnte. Der Glitzer erinnert sie daran, dass sie den Sport aus Liebe betreibt und es am Ende „einfach nur Spaß machen soll“. Die „Sparkle Queen“ (Glitzer-Königin) hat eine ganze Generation junger Skilangläufer in den USA dazu inspiriert, ebenfalls mit Glitzer an den Start zu gehen. Bei ihrer Olympia-Premiere 2014 färbte sie zusätzlich ihre Haare rot-weiß-blau. Bei ihrem Gold-Lauf 2018 trug sie neben dem Wangen-Glitzer auch spezielles Haar-Lametta. Dieses Lametta von 2018 bewahrte sie auf und trug es symbolisch erneut bei ihren letzten Olympischen Spielen 2026.
Das große Thema: Mental Health und Essstörungen
Das große Thema ist und bleibt aber auch während ihrer Profikarriere die Essstörungen und Mental Health generell. Bereits 2010 im Alter von 18 Jahren suchte Diggins Hilfe beim The Emily Program, um ihre Bulimie zu behandeln. Sie bezeichnet das Programm oft als den Ort, der ihr Leben gerettet hat. Die Essstörung entwickelte sie nach Beendigung der High School in einer Phase extremen Drucks, in der sie versuchte, die „perfekte Athletin“ zu sein. Nach ihrem Schulabschluss trat sie dem „Central Cross Country Elite Team“ bei. Der plötzliche Sprung in den Profisport und das Gefühl, nicht gut genug zu sein, führten dazu, dass sie die Kontrolle über ihr Essen als Ventil nutzte. Aus einer strengen Diät wurde schnell eine außer Kontrolle geratene Bulimie. Sie litt etwa zwei Monate lang bis zu mehrmals täglich unter schwersten Ess-Brech-Anfällen, bevor ihre Eltern bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Sie sahen, dass ihre lebensfrohe Tochter „erloschen“ wirkte. Ihre Eltern schalteten sofort das Emily Program in St. Paul ein. Jessie verbrachte dort den Sommer 2010 etwa zwölf Stunden täglich in einer intensiven Tagesklinik, um zu lernen, wie sie wieder eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper und zur Nahrung aufbauen kann. Lange hielt sie ihre Erkrankung geheim. Erst 2018 nach ihrem Olympiasieg entschied sie sich für die Flucht nach vorne. Sie wollte zeigen, dass man auch mit einer psychischen Erkrankung in der Vergangenheit (oder Gegenwart) Großartiges erreichen kann. Im Sommer 2023 erlitt sie einen Rückfall, den sie erneut öffentlich machte. Sie setzte das Training kurzzeitig aus, um sich wieder in Behandlung zu begeben, und bewies damit, dass Heilung kein linearer Prozess ist. Seitdem betont sie immer wieder, wie wichtig es ist, auf seine mentale Gesundheit zu achten.
Sympathische Langläuferin mit Herz für die Kleinen
Jessie Diggins wird auch nach ihrem Karriereende als eine der herzlichsten und hilfsbereitesten Athletinnen in der Szene in Erinnerung bleiben. Sie wird der Langlauf-Welt fehlen. Dass sie auch ein Herz für die Kleinen hat, konnte bei den Olympischen Spielen jeder sehen. Als Bronzemedaillengewinnerin im Einzelstart wartete sie gemeinsam mit Frida Karlsson und Ebba Andersson auf die letzten Starterinnen aus den exotischen Langlauf-Ländern. Zwei von ihnen kannte sie besonders gut: Die Mexikanerin Regina Martinez-Lorenzo kommt wie sie aus Minneapolis und sie kennen sich von dort. Die Iranerin Samaneh Beyrami Baher lernte sie Anfang Januar auf der Seiser Alm kennen. Beide freundeten sich an und Jessie schenkte ihr ein Paar Ski. Das war aber keine Ausnahme, denn die 34-Jährige unterstützt regelmäßig Athleten aus kleineren Skinationen, die kaum Budget oder professionelles Material haben. Es ist bekannt, dass sie nach Saisonschluss oder bei Trainingslagern oft hochwertige Ski, Stöcke oder warme Team-Kleidung an Läufer aus Ländern wie Brasilien, Chile oder eben dem Iran verschenkt, damit diese überhaupt konkurrenzfähig bleiben können. In den USA müssen viele junge Skilangläufer ihre Reisen selbst finanzieren. Jessie Diggins nutzt ihre Reichweite und ihre Sponsoren, um Stipendien und Fördergelder für den US-Nachwuchs zu sammeln, damit Geld kein Hindernis für die Karriere ist.
Was kommt nach der aktiven Karriere?
Das Leben von Jessie Diggins nach ihrer Karriere wird ganz sicher nicht langweilig. Natürlich freut sie sich, dass sie nun endlich Zeit für ihre Familie und ihren Mann Wade hat. Das Paar lernte sich im September 2015 auf der Hochzeit der kanadischen Langläuferin Chandra Crawford kennen, die eines von Jessies großen Vorbildern war – sportlich, aber auch mit ihrem Einsatz für Mädchen im Sport (Programm „Fast and Female“). Wade war als Cousin von Chandras Ehemann Jared Walsh vor Ort und entdeckte Jessie in einem auffälligen roten Kleid bei einem Riesen-Jenga-Spiel, bei dem es die spielerische Hochzeitsregel gab, dass die Verlierer sich küssen mussten. Kurz darauf erweiterten sie den Wetteinsatz und der Verlierer musste den Gewinner besuchen kommen. Das tat Wade auch kurz darauf, mietete ein Auto und fuhr die dreieinhalb Stunden nach Vermont, wo Jessie gerade mit der Stratton Mountain School trainierte. Fünf Jahre später machte er ihr auf einer Wanderung den Antrag, 2022 wurde geheiratet. Seit 2024 nennen sie ein Haus in Wakefield vor den Toren von Boston ihr Eigen, in dem sie nun als Familie leben wollen. Für die Zeit nach ihrer Karriere hat die 34-Jährige auch bereits einige Pläne: „Im Langlauf gibt es nur einen Moment, wo du etwas beweisen musst: Du gehst in die Loipe und versuchst abzuliefern. Eine so gute Show, dass die Leute inspiriert nach Hause gehen und selbst zum Trainieren in die Loipe wollen“, sagte Diggins. „Als Athletin hängt das natürlich auch viel vom Körper ab. In der Zukunft möchte ich andere mit meiner Geschichte inspirieren. Das ist etwas, was ich noch länger machen kann.“ Sie hat bereits zahlreiche Angebote für öffentliche Reden oder Seminare bekommen. „Das nächste Jahr werde ich sehr beschäftigt sein. Andererseits könnte ich auch nicht herumsitzen und nichts tun. Mir wird sehr schnell langweilig“, sagte sie. „Neben Stricken und so freue ich mich aber auch darauf, etwas Ruhe zu haben. Dann freue ich mich auf Gartenarbeit und vor allem darauf, mit meinem Mann Zeit zu Hause zu verbringen. Er hat mich am meisten von allen Personen auf der Welt unterstützt und nun beginnt unsere Zeit zusammen – und für mich die Zeit, die ich nicht unterwegs verbringe für mehrere Monate im Jahr. Darauf freue ich mich besonders“, sagte Jessie Diggins, die hinzufügt: „Wenn du 20 bist und keinen Partner hast, ist es toll, im Weltcup unterwegs zu sein – dann lässt du niemanden zu Hause zurück. Aber irgendwann änderst du deine Meinung und es wird härter. Aber da ist der Rest meines Lebens, meine Familie, meine Freunde und ganz besonders mein Mann Wade.“ Außer um Motivation wird es in ihren Vorträgen sicher auch um mentale Gesundheit und Klimawandel gehen, das sind Themen, zu denen sie sich auch in ihrer aktiven Karriere immer wieder äußerte. „Ich habe schon oft Reden gehalten, aber wegen dem Langlauf musste ich oft Nein sagen. Aber es war immer fantastisch, wenn ich vor einer Menschenmenge sprechen sollte. Das ist eine Aufregung ähnlich wie im Sport.“ Mit Entsetzen sieht sie, wie der Schnee auf der Welt immer mehr schwindet. Sie reiste mehrfach nach Washington D.C., um vor dem Kongress für Klimaschutz zu sprechen. Dabei ging es ihr nicht um Politik, sondern darum, den Wintersport für die nächste Generation zu retten. Sportlich hat sie aber dennoch noch Ziele. Die 34-Jährige will ein 100-Meilen-Rennen bestreiten – aber ohne spezielle Ziele. „Ich möchte es nur für mich tun und aus Spaß. Ich werde es als Abenteuer nehmen. Wenn ich irgendwann mittendrin anhalten und die Aussicht genießen will, dann werde ich es tun.“
Jessie Diggins – eine Karriere in Bildern


































































