Von Trainern und ihren Schäfchen: Wie Trainingsgruppen von der Sportpsychologie profitieren können

Remo Fischer mit Trainingsgruppe © Felgenhauer / xc-ski.de

Langläufer sind von Natur aus eigentlich Individualsportler, dennoch verbringen sie eine große Zeit ihres Trainingslebens innerhalb von Trainingsgruppen. Jeder weiß, dass es in jungen Teams oft Reibereien gibt und es seine Zeit braucht, bis sich jeder auf das Wesentliche konzentrieren kann, den Sport. Vertrauen, Kommunikation und Zusammenhalt sind ein Prozess. In der Theorie (Tuckman, 1965) durchlaufen Gruppen 5 Phasen: Forming, Storming, Norming, Performing und Adjourning. Was das bedeutet, was für jede Phase wichtig ist und wie Trainer und Eltern die Sportpsychologie spielerisch nutzen können, liest du hier.

Das Kennenlernen

In der Forming-Phase kommt eine Trainingsgruppe das erste Mal zusammen, meist zu Anfang der neuen Saison. Diese Zeit ist geprägt durch Unsicherheit und Zurückhaltung einiger Teammitglieder. Meinungen und Interessen werden nur vorsichtig geäußert und die Situation wird so akzeptiert wie sie ist. Zu Anfang ist die Leistungsfähigkeit der Gruppe und der einzelnen Mitglieder noch nicht sehr hoch und der Trainer hat die Aufgabe, erste Strukturen zu etablieren und Ziele vorzugeben. Spielerisch kann hier das Kennenlernen unterstützt werden, sodass die Sportler neue Dinge über ihre Mannschaftkollegen lernen. Diese einfache Übung kann zum Beispiel bei der Erwärmung erfolgen, wenn die Sportler in einem Kreis stehen. Der Trainer kann beginnen: er macht die erste Erwärmungsübung vor, die alle anderen mitmachen müssen. Währenddessen kann er folgende Fragen beantworten:

  • Wer bin ich, wo komme ich her?
  • Was ist/war mein Lieblingsfach in der Schule?
  • Was mache ich am liebsten vor dem Wettkampf?
  • Was ist ein Fakt, den die Gruppe noch nicht über mich weiß? Was macht mich besonders?

Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Er endet mit einer Frage, die er von der nächsten Person im Kreis wissen möchte, z.B. „Lena, was ist dein Lieblingsbuch?“. Als nächstes beantwortet Lena die Frage, erzählt ein wenig von sich selbst und gibt das Wort an die nächste Person weiter, wieder mit einer Frage. Mit dieser einfachen Übung lernen sich die Sportler/innen ein bisschen genauer kennen und finden möglicherweise gemeinsame Interessen, auf denen sie Beziehungen aufbauen können.

Das Konfliktpotenzial

Die Storming-Phase wird meist als unangenehm wahrgenommen, ist aber sehr wichtig im Teamprozess. Hier kommt es zu Annährungen, Spannungen und Konflikten, weil Meinungen und Interessen stärker geäußert werden. Der Coach wird in diesem Fall zur „obersten Instanz“ der diese Konflikte oft lösen muss, bevor sie eskalieren. Er hat die Aufgabe, Lösungswege vorzuschlagen und die Basis für die weitere Zusammenarbeit zu bilden.

Das organisierte Miteinander

Eine Rollenfestigung und Geschlossenheit entstehen dann meist in der Norming-Phase. Hier wird eine Feedback-Kultur gelebt, die durch festgelegt Aufgaben, Rituale und Verhaltensweisen unterstützt wird. Die Teammitglieder kommunizieren gut miteinander, Umgangsformen entwickeln sich und es werden kreative Lösungswege gefunden. Der Trainer nimmt sich in dieser Zeit als Führungsperson etwas zurück und versucht „die Dinge in die richtige Richtung zu lenken“. Er hat auch die Aufgabe, die Interessen und Bedürfnisse jedes Einzelnen zu koordinieren und die vereinbarten Verhaltensregeln durchzusetzen. Hier sind Vertrauensspiele eine geeignete Variante. Beispielsweise kann ein Sportler mit verbunden Augen mit Ski durch einen Hindernis-Parcours fahren, wobei ein Trainingskollege ihn durch Richtungsanweisungen führen muss. Das wirkt sich nicht nur auf die Verbesserung der Kommunikation aus, sondern auch auf die Langlauftechnik.

Die Performance

In der Performing-Phase steigt die Leistungsfähigkeit der Gruppe und des Einzelnen auf ein optimales Niveau und die Teamidentität ist prägend. Die Mitglieder respektieren sich, schätzen sich Wert und Diskrepanzen arten nicht in Konflikte aus. Als Trainer kann man sich nun auf die individuelle Weiterentwicklung der Stärken der Teammitglieder konzentrieren. Hier sind kleine Staffelspiele (in der Turnhalle, auf Inlinern, Skirollern oder Skiern) oder andere herausfordernde Aufgaben mit einem gemeinsamen Ziel eine gute Idee, um den Ehrgeiz zu fördern.

Die Auflösung

Zu Ende der Saison steht meist eine Auszeit an und die Gruppenmitglieder gehen auseinander (Adjourning-Phase). Damit die gemeinsame, vergangene Zeit optimal ausgewertet wird, veranstalten viele Trainingsgruppen Saisonabschlussfeiern oder gehen zusammen essen. Das ist ein guter Zeitpunkt um nochmal auf das Erlebte zurückzublicken und die gemeinsame Arbeit anzuerkennen die man geleistet hat. Individuelle Stärken und Feedback über die einzelnen Sportler sollen nicht zu kurz kommen, sodass man selbstbewusst in neue Aufgaben starten kann. Eine Möglichkeit, solch ein Feedback aus der gesamten Runde festzuhalten, ist die Zettelschlange. Hier klebt sich jeder ein weißes Blatt auf den Rücken. Anschließend schreibt man jeder Person, der man begegnet ein Kompliment, was man an ihm schätzt, was man bewundert oder worauf er stolz sein kann auf den Zettel. Jeder Sportler hat somit am Schluss ein Blatt mit vielen positiven Eigenschaften, was er mit nach Hause nehmen kann.

Die Reflexion

Es ist wichtig zu wissen, dass diese Phasen nicht immer perfekt durchlaufen werden. Manche werden übersprungen, mache wiederholt, manchmal springt man auch wieder zurück oder bleibt in einer Phase stecken. Weiterhin ist nicht ein perfektes Ergebnis das Ziel der vorgestellten Spiele, sondern vielmehr das Finden von Lösungswegen und der Transfer ins tägliche Miteinander (Engbert, 2011). Bei allen Aufgaben ist wichtig, danach das Erlebte zu reflektieren. Man kann gemeinsam im Sitzkreis folgende Fragen durchsprechen:

  • Wie ist es auch beim Erfüllen der Aufgabe ergangen?
  • Wie seid ihr an die Aufgabe herangegangen? Was lief gut, was weniger?
  • Woran hat es gelegen, als es nicht gut lief?
  • Was könnt ihr beim nächsten Mal besser machen?
  • Was könnt ihr ins Training mitnehmen? Was lernt ihr aus der Aufgabe?

Für Fragen zu weiteren Ansätzen zum Thema „Team und Gruppenprozesse“, schreibt mir gerne eine Mail.

Quellen:Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport: Ein Übungsbuch für den Schüler-und Jugendbereich. Neuer Sportverlag.Tuckman, B. W. (1965). Developmental sequnce in small groups. Psychological Bulletin, 1965, 63. Jg., Nr.6, S. 384.

Lisa König ist Sportpsychologin. Sie war Skilangläuferin am Sportgymnasium Oberhof und der Unimannschaft der Michigan Tech University in den USA. Nach ihrem Bachelorabschluss in Psychologie absolvierte sie ein Masterstudium der angewandten Sportpsychologie und hilft Sportlern, Trainern und Mannschaften das beste aus ihrer sportlichen Leistung herauszuholen und ihr mentales Wohlbefinden zu verbessern. Sie bietet sportpsychologische Workshops, Coachings und Trainings an: www.die-sportpsychologen.de/lisa-koenig.