Biathlon Weltcup: Rückblick auf die abgelaufene Saison

Dorothea Wierer (ITA), Denise Herrmann (GER), (l-r) © Manzoni/NordicFocus

Erst die Ergebnisse aus den letzten Wettkämpfen im Biathlon-Weltcup entschieden über die Gesamtweltcupgewinner. Ausbleibende Schneefälle stellten die Veranstalter vor große Herausforderungen und Antholz präsentierte sich zum sechsten Mal als hervorragender Gastgeber einer Biathlon-Weltmeisterschaft. Aus Angst vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus (Covid-19) musste das Saisonfinale in Oslo ausfallen und die Weltklasse-Biathleten Martin Fourcade und Kaisa Mäkäräinen beendeten ihre Biathlon-Karriere in Kontiolahti vor leeren Zuschauerrängen. 

Zwei Punkte Vorsprung entscheiden über Sieg im Gesamtweltcup

Martin Fourcade (FRA), Johannes Thingnes Boe (NOR), (l-r) © Manzoni/NordicFocus

Als sich der Norweger Johannes Thingnes Boe mit einem Sieg in der Verfolgung und im Massenstart im französischen Annecy Le Grand Bornand vor Weihnachten in die Babypause verabschiedete, hatte er bereits fünf Einzelbewerbe von sieben der Saison 2019/2020 für sich entschieden. Und als er die deutschen Weltcups in Oberhof und Ruhpolding ausließ und sein wiedererstarkter härtester Konkurrent Martin Fourcade vier Siege in Folge verbuchte, vermochte keiner zu glauben, dass es am Ende doch zum Gewinn des Gesamtweltcups reicht. Obwohl Martin Fourcade in der Wertung führte waren der Regel nach noch die Punkte seiner zwei schlechtesten Ergebnisse zu streichen und es sollte sich bei der Verfolgung in Kontiolahti entscheiden. Bei einem Sieg von Fourcade musste J. T. Boe Vierter werden um als Gesamtsieger festzustehen. Und genau so kam es: Fourcade überquerte die Ziellinie als Erster und J. T. Boe sicherte sich Rang vier. Mit zwei Punkten Vorsprung holte er sich damit zum zweiten Mal in Folge den Sieg in der Gesamtwertung. J. T. Boe hatte am Ende zehn Siege auf seinem Konto, Martin Fourcade sieben.

Martin Fourcade beendet Karriere

Emilien Jacquelin (FRA), Martin Fourcade (FRA), (l-r) © Manzoni/NordicFocus

Der letzte Herrenbewerb in Kontiolahti war aber nicht nur spannend, sondern auch hochemotional, da Martin Fourcade am Abend zuvor bekannt gab, dass es sein letztes Rennen sein werde. Der fünfmalige Olympiasieger, siebenfache Gesamtweltcupgewinner und 13malige Weltmeister gewann 79 Weltcupbewerbe – er ist einer der erfolgreichsten Biathleten der Geschichte und seine Meinung hatte großes Gewicht in der Biathlon-Familie. Für ihn hat sich der Kreis geschlossen, nachdem er auf den Tag genau vor zehn Jahren in Kontiolahti seinen ersten Weltcupsieg feierte. Als Sieger im Zielbereich kamen alle Athleten zu ihm um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und sich zu verabschieden. Sicherlich hätte ihn tosender Applaus der dortigen Zuschauer unter normalen Umständen ins Ziel begleitet. Aber Zuschauer waren ausgeschlossen. Das Coronavirus und die Sorge einer Weiterverbreitung oder gar Ansteckung der Athleten hatte diese Entscheidung unumgänglich gemacht. Schon eine Woche zuvor musste der Biathlon-Weltcup im tschechischen Nove Mesto na Morave aufgrund einer Entscheidung der Staatsregierung ohne Zuschauer stattfinden. Ein Novum in der Weltcupgeschichte. Das sonst immer stimmungsvolle Saisonfinale in Oslo wurde komplett abgesagt und die Weltcupsaison ging eine Woche früher in Kontiolahti zu Ende. 

Italiens Biathlon-Queen macht´s nochmal       

Dorothea Wierer (ITA) © Manzoni/NordicFocus

Dorothea Wierer hat geschafft, was zuletzt vor 20 Jahren der Schwedin Magdalena Forsberg gelang. Sie holte den Gesamtweltcup der Damen ein zweites Mal in Folge. In einem dramatischen Fight zwischen ihr und Tiril Eckhoff sah es bis zum letzten Schießen nach einem norwegischen Gesamtsieg aus. Eckhoff hat alle Einzelbewerbe in Annecy und zwei in Ruholding gewonnen. Bereits bei der WM in Antholz, bei der sie als große Favoritin gehandelt wurde, riss ihre Siegesserie. Eckhoff´s drei Fehlschüsse im letzten Rennen von Kontiolahti waren das Glück von Dorothea Wierer. Eckhoff wurde Zehnte, Wierer Elfte und am Ende waren es 13 Punkte Vorsprung für die glamouröse Südtirolerin. Siege in Einzelbewerben waren es nur vier, aber die Konstanz von Wierer war schließlich der Schlüssel zum Triumph. Am Schießstand arbeitet sie in einer eigenen Liga und mit einer Geschwindigkeit, von der mancher Biathlet nur zu träumen vermag. Bei der Heim-Weltmeisterschaft stand sie vier Mal auf dem Podest: Mit Silber mit der Mixed-Staffel, Silber im Massenstart und mit dem Weltmeistertitel im Einzel und in der Verfolgung hat sie allein dafür gesorgt, dass Italien in der Medaillenwertung an dritter Stelle hinter Norwegen und Frankreich geführt wird. 

Kaisa Mäkäräinen verabschiedet sich

Kaisa Makarainen (FIN) © Manzoni/NordicFocus

„Heute genieße ich mein letztes WM-Rennen mit vollem Herzen, mit all meinen wunderbaren Kollegen. Es ist eine letzte Verfolgung mit mir Mädels!“, schrieb die Finnin auf ihrer Facebook-Seite und auch sie stand tränenerfüllt im zuschauerleeren Stadion von Kontiolahti. „Ich habe meine ersten Biathlon-Trainings in diesem Stadion 2003 gemacht, und jetzt, heute endet meine internationale Biathlon-Karriere plötzlich hier. Nicht so, wie ich es wollte oder geplant habe, ohne Zuschauer, aber wir konnten uns das nicht aussuchen.“ Die dreimalige Gesamtweltcup-Gewinnerin wird im Biathlon-Zirkus fehlen. Zuletzt gewann die 37jährige im Januar den Massenstart von Oberhof, wo ihre langjährige Biathlon-Erfahrung unter erschwerten Bedingungen zum Sieg führte.     

WM in Antholz  

Unter dem Motto „passoin is ours“ fanden in der Südtirol Arena in Altholz zum sechsten Mal Biathlon Weltmeisterschaften statt. Herrliche Bilder aus Antholz, umgeben von einer imposanten Bergwelt, wurden in die ganze Biathlon-Welt ausgestrahlt. In sieben Rennen am Start holte Marte Olsbu Roeiseland sieben Medaillen. Fünf Mal Gold und zwei Mal Bronze. Drei Goldene holte sich ihr Single-Mixed- und Mixed-Partner Johannes Thingnes Boe. Bei den Damen standen in den Einzelbewerben entweder Dorothea Wierer oder Marte Olsbu Roeiseland ganz oben auf dem Podest. Bei den Herren verteilten sich die Weltmeistertitel zwischen Johannes Thingnes Boe und den Franzosen Emilien Jacquelin (Verfolgung) und Martin Fourcade (Einzel). Nicht zu vergessen der Sprint-Weltmeister Alexander Loginov aus Russland. Der traurige Sieger. Bei der Pressekonferenz strahlte er keine Freude aus, blickte lustlos ins Leere und antwortete stets kurz und obwohl er englisch zu verstehen scheint, nur in russisch. In der Verfolgung gewann er Bronze und seine Medaillen verblassten im Schatten seiner Doping-Vergangenheit, da am frühen Morgen des Staffelbewerbs in seinem Hotelzimmer im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bozen eine Polizei-Razzia stattfand. Gegenstände wurden sichergestellt, Loginov wurde verhört, weitere Details wurden nicht bekanntgegeben. 2014 wurde Loginov wegen Epo-Dopings zwei Jahre gesperrt, hat sich seit seiner Rückkehr in den Biathlon-Weltcup aber nicht zu seinem Vergehen geäußert.  

Der Saisonverlauf aus deutscher Sicht

Franziska Preuss (GER), Denise Herrmann (GER), (l-r) © Manzoni/NordicFocus

Mit 21 Podestplätzen, davon drei Siege von Denise Herrmann und einer von Benedikt Doll, und 46 weiteren Top-10 Plätzen hat die deutsche Biathlon-Nationalmannschaft in der Nationenwertung Platz zwei (Damen) und Platz drei (Herren) erreicht und damit weiterhin die höchste Weltcup-Startquote von sechs Damen und sechs Herren gehalten. Mit einem zweiten Rang von Franziska Preuß und Erik Lesser in der Single-Mixed-Staffel von Östersund begann die Saison am 30.11.2019 vielversprechend. Im weiteren Verlauf des ersten Trimesters mit den Stationen Östersund, Hochfilzen und Annecy Le Grand Bornand taten sich die deutschen Skijäger schwer, obwohl die Herrenstaffel zum Abschluss in Hochfilzen Zweiter wurde und Benedikt Doll in Annecy seinen ersten Saisonsieg feierte. Erste Station im Neuen Jahr war Oberhof. Die Veranstalter hatten aufgrund des Warmwetters und Schneemangels alle Mühe die Strecken zumindest in verkürzter Form zu präparieren und das deutsche Team erreichte am Ende vier Podestplätze. Auch der Heimweltcup in Ruhpolding lief nicht wie erhofft; lediglich Benedikt Doll kam als Dritter im Sprint auf das Podest. Auf der Pokljuka lief Denise Herrmann im Einzel zu ihrem ersten Saisonsieg und Benedikt Doll wurde Zweiter im Massenstart. Nach einem Vorbereitungslehrgang in der Höhe von Ridnaun reisten fünf Herren und fünf Damen nach Antholz. Die Weltmeisterin Denise Herrmann, Vanessa Hinz und Franziska Preuß hatten sich qualifiziert; Karolin Horchler und Janina Hettich waren ohne die Qualifikationskriterien erfüllt zu haben, nominiert. Benedikt Doll, Philipp Horn, Johannes Kühn, Philipp Nawrath und der Weltmeister Arnd Peiffer stellten das DSV-Herren-Team.  Nicht dabei waren Simon Schempp, der wie im Vorjahr nach Oberhof eine Wettkampfpause verordnet bekam und sowohl WM als später auch die Europameisterschaft verpasste. Und auch Erik Lesser und Franziska Hildebrand hatte sich nicht qualifiziert. Beide konnten im ersten Trimester ihr Leistungsvermögen nicht abrufen und starteten im IBU Cup um Selbstvertrauen zu tanken. Erik Lesser gelang dies bedingt und Mark Kirchner holte ihn mit der halben WM-Norm nach Antholz. Nach einem vierten Rang der deutschen Mixed-Staffel (Preuß, Herrmann, Peiffer, Doll) zum Auftakt der WM landeten die deutschen Starter in den Sprints zwar in den Top-10, aber nicht auf dem Podest. Mit Silber holte Denise Herrmann in der Verfolgung die erste deutsche Medaille und drei weitere silberne folgten von Vanessa Hinz im Einzel, von Erik Lesser zusammen mit Franziska Preuß in der Single-Mixed Staffel und die der Damenstaffel. Dazu kam eine Bronzemedaille der Herrenstaffel und am Ende belegte Deutschland den fünften Rang im Medaillenranking, blieb aber ohne Weltmeistertitel. Nach der WM gelang Denise Herrmann in Nove Mesto ein Sieg im Sprint und in Kontiolahti gab es einen deutschen Doppelerfolg im Sprint von ihr und Franziska Preuß. Am Ende gewann Denise Herrmann die Sprintkugel und wurde Dritte in der Gesamtwertung mit 48 Punkten Rückstand auf Dorothea Wierer. Stefanie Scherer (23) gab nach einem vierten Rang in der IBU-Cup-Gesamtwertung in Kontiolahti ihr Weltcupdebüt und auch Lucas Fratzscher durfte als Belohnung dort starten. Als Gesamtsieger des IBU Cups hat er beim ersten Weltcup der nächsten Saison ein persönliches Startrecht. Schade für Vanessa Voigt, die Rang sechs in der IBU-Cup-Gesamtwertung erreichte und ihren ersten Weltcupeinsatz in Oslo wegen der Absage verpasste.    

Ein Blick in die Schweiz und nach Österreich

Lena Haecki (SUI), Aita Gasparin (SUI), Selina Gasparin (SUI), Elisa Gasparin (SUI) © Nico Manzoni/NordicFocus

Die Damen-Staffel aus der Schweiz mit ihrer österreichischen Trainerin Sandra Flunger startete überraschend mit einem zweiten Rang in Östersund in die Saison. Mit Rang drei in Hochfilzen bestätigten Elisa, Selina und Aita Gasparin mit Lena Häcki, dass ihre Platzierung kein Ausrutscher nach oben war. In Oberhof erreichte das Quintett Rang fünf und in Ruhpolding standen sie als Dritte erneut auf dem Podest.  Bei der WM in Antholz liefen sie auf den sechsten Rang und am Ende belegten sie hinter Norwegen Platz zwei in der Gesamtwertung. Lena Häcki erreichte mehrere Top-10-Plätze, wurde Dritte in der Verfolgung von Annecy und Selina Gasparin erreichte in der Verfolgung von Kontiolahti den zweiten Platz. Bei den Herren gab ihr langjähriger Trainer Jörn Wollschläger im Februar bekannt, dass er sein Amt als Cheftrainer zum Saisonende aufgibt und Benjamin Weger, bestplatzierter Schweizer in der Gesamtwertung, beendete im Februar die Saison vorzeitig. Mario Dolder hat mit Ende der Saison sein Gewehr in die Ecke gestellt und die Leistungssportkarriere beendet. Dazu kamen der Rücktritt von Armin Kasslatter, Assistenztrainer des Biathlon-Herren-Teams, und von Ivan Joller als Trainer des Biathlon-Nachwuchskaders. Swiss-ski hat damit drei wichtige Positionen neu zu besetzen, allerdings kommen mit Amy Baserga und Niklas Hartweg, jeweils Gesamtgewinner des IBU Junior-Cups und mit Sebastian Stalder verheißungsvolle Talente im Athletenbereich nach.

Dominik Landertinger holte bei der WM überraschend Bronze im Einzel. Bis dahin hatte der 31jährige Tiroler mit anhaltenden Rückenproblemen zu kämpfen und schaffte kein Einzelergebnis in den Top-20. Zusammen mit Simon Eder, Julian Eberhard und Felix Leitner schaffte es die Staffel in Ruhpoldung mit lediglich vier Nachlader hinter Norwegen und Frankreich aufs Treppchen. In der Gesamtwertung ist wie im letzten Jahr Julian Eberhard als 20. am Besten platziert. Der laufstarke Felix Leitner brachte mehrere Top-10-Ergebnisse, nach ganz oben hat es in seiner zweiten Weltcupsaison aber noch nicht gereicht. Lisa Theresa Hauser war mit Rang 18 in der Gesamtwertung beste Österreicherin. Zusammen mit ihrem Single-Mixed-Partner erreichte sie eine Podestplatzierung: Rang drei in Pokljuka. 

Saison Highlights 2019/2020 – Frauen

Saison Highlights 2019/2020 – Männer

Die Gewinner der Saison

Gesamtweltcup: Dorothea Wierer (ITA) / Johannes Thingnes Boe (NOR)
Sprint: Denise Herrmann (GER) / Martin Fourcade (FRA)
Verfolgung: Tiril Eckhoff (NOR) / Emilien Jacquelin (FRA)
Einzel: Hanna Oeberg (SWE) / Martin Fourcade (FRA)
Massenstart: Dorothea Wierer (ITA) / Johannes Thingnes Boe (NOR)
Staffel Damen: Norwegen
Staffel Herren: Norwegen
Mixed-Staffel: Norwegen
Nationenwertung: Damen: Norwegen / Herren: Norwegen

Weltcup Gesamtstand Herren hier

Weltcup Gesamtstand Damen hier 

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