Volksläufe (klassisch): Ski mit oder ohne Steigwachs!?

Moderator

Armin hat eine interessante Frage gestellt: https://www.xc-ski.de/community/foren/thema/marcialonga-training/page/2/ Wer eine Einschätzung zu diesem konkreten Lauf abgeben kann, kann dies dort tun.

Darüber hinaus wäre es interessant das Thema grundsätzlich zu diskutieren. Deshalb habe ich diesen neuen Thread eröffnet: Wie sind Eure Einschätzungen und Erfahrungen? Lohnt es sich bei einem klassischen Volkslauf auf das Steigwachs zu verzichten? Dabei gehe ich von der Annahme aus, dass das Ziel ist schnellstmöglich vom Start zum Ziel zu kommen 🙂

Ich freue mich auf einen interessanten Austausch. Ich denke, dass dies für viele Volksläufer ein akuelles Thema ist!

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Wenn man es gut kann ok….. Ich habe es 1x probiert und am Ende der 45km wurde jeder kleine Hügel zur Qual.  Ich habe auch schon oft erlebt, dass gerade bei Anstiegen die “Schieber” mit krebsroten Gesicht und einem Stock der kurz vor der Durchbiegung ist andere Diagonalläufer massiv behindern. Man könnte locker vorbei hat aber auf allen Spuren eine Front von diesen selbsternannten Weltmeistern.

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Ich glaube diese Frage wird wieder sehr heiß diskutiert werden. Und es sind immer eine Menge Faktoren vorhanden, die den Vergleich sehr schwer machen

1. Diagonaltechnik bergauf (ich zum Beispiel habe eine grausame Technik)

2. Fähigkeit seinen Ski gut zu wachsen (und hier meine ich speziell die Steigzone) – ist halt blöd wenn ich entweder zu spitz oder zu stumpf bin….

3. Power für den Doppelstockschub – und zwar nicht nur für 30km, denn wie heißt es so schön: “Am Ende kackt die Ente”. Ich habe zum Beispiel im Training ohne Probleme die letzten 20km des Nordenskiöldsloppet geschoben. Im Rennen, nach 200km, war ich für jedes bisschen Kick bergauf dankbar. (Wobei ich dieses mal schon sehr mit dem Durchschieben liebäugle)

4. Schneeverhältnisse (hängt z.T mit Punkt 2 zusammen, aber nicht nur)

5. Und natürlich das Profil des Rennens. Den Kaiser-Max z.B. würde ich nicht schieben, den Dolomitenlauf (auf der Originalstrecke) schon.

Und die Aussage, dass Doppelstockler bergauf die Diagonalfahrer behindern ist aus meiner Sicht genauso falsch wie zu sagen, dass die Diagonaler den Doppelstocklern bergab und auf der Ebene im Weg stehen. In der Regel kann man IMMER überholen, wenn man deutlich schneller ist.

Und damit keiner böse ist, will ich mit den Worten von Didi Hallervorden enden: “Das ist nur ihre Meinung, und ihre Meinung interessiert hier nicht!”

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<p style=”text-align: center;”>Ich denke jeder sollte die Technik laufen mit der er glaubt für sich die Beste Platzierung herauszuholen.  Speziell für solche Sportler die nicht die Möglichkeit haben viel auf Schnee zu trainieren ist es sicher einfacher das Schieben zu trainieren und zu lernen alls eine halbwegs saubere Klassik Technik! Für Rennen mit nicht zu knackigen langen Anstiegen auch sicher die schnellere Technik! Doch eins sollte man nicht vergessen: ich bin mir sicher dass zu 90% von den ” Amateurschiebern” zu lange Stöcke verwenden was ja wiederum unfair ist und weiters sieht man sehr oft in den Anstiegen dass dem ein und den anderen dann doch das nötige “Schmolz” in den Armen fehlt und dann doch der ein und der andere Skatingschritt eingeschoben werden muss um ein bisschen vorwärts zu kommen! Beim Gsiesertallauf ist für die 30km Distanz die Schiebetechnik sicherlich die bessere Wahl wobei man auf der 42km Distanz besser zu Steigwachs greifen sollte,da es dort wirklich eine enorme Kraft und eine gute Schiebetechnik braucht um die letzten Anstiege bewältigen zu können! Zum Überholen möchte ich noch sagen, der stärkere Läufer sollte eigentlich immer einen Weg zum Überholen finden ,ansonsten ist er nicht wesentlich besser alls der Vordermann…💪🤷</p>

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Doch eins sollte man nicht vergessen: ich bin mir sicher dass zu 90% von den ” Amateurschiebern” zu lange Stöcke verwenden

Das stimmt. Geht man sogar dem Stocklängen Rechner nach und selbst bei den Volksläufen herrschenden Regelung der Stockmaximallänge nach, würde dies ja eigentlich sogar zu einer Disqualifikation führen (zumindest schreibt das Fischer selbst so bei sich auf der Webseite).

Was das Schieben angeht: Ich merke schon, dass eher ungeübte Schieber auf Anstiegen einen Diagonalläufer im Weg sind, zumindest muss man verlangsamen und warten bis man vorbei kommt, während rechts und links andere Diagonalläufer vorbei ziehen. Das wird im vorderen Feld sicherlich anders aussehen.

Ich selbst hab aber auch schon mal beim KLL durchgeschoben. Einen sehr großen Vorteil konnt ich da aber auch nicht ausmachen, das mag aber auch an den damals schwierigen Bedingungen gelegen haben.

Bei recht flachen Terrains ohne lange Rampen würde ich es aber auch nochmal versuchen.

Moderator

Dann möchte ich auch meinen „Senf“ dazu geben 😉

1. Zielsetzung: Es ist legitim sich das Ziel zu formulieren z.B. den Vasalauf „durchzuschieben“. Dafür kann man trainieren und das kann man dann entsprechend durchziehen. Für mich geht es bei einem Skilanglaufrennen aber darum, in möglichst kurzer Zeit auf regelkonforme Art und Weise vom Start zum Ziel zu kommen. Die Wahl der Mittel ordnet sich dieser Zielsetzung unter.

2. Mode: Die Entscheidung zwischen Skiern mit und ohne Steigwax ist ein Stück weit eine Modefrage. Es ist es noch gar nicht so lange her, seitdem plötzlich „alle“ meinten Skirennen „durchschieben“ zu müssen. Ich habe ein norwegisches Buch über das Skiwaxen von den Auklands und da schreiben sie in der Einleitung zum Kapital „Steigwax“ Folgendes:

„In den letzten Jahren ging es unter den allerbesten Spitzenläufern darum einzelne Langdistanzrennen auf glatten Skiern zu gehen. Vorläufig ist der Gebrauch von Steigwax dominierend und etwas weiter hinten in den Reihen geht es selten um etwas anderes, als Ski mit Steigwax, unbesehen des Loipenprofils und den Schneebedingungen.“

Das Buch liegt mir in der dritten Auflage von 2014 vor – es handelt es sich also nicht um eine Aussage aus einem anderen Jahrhundert! Und sind wir Amateure im Jahr 2022 soviel besser, als die im Text Beschriebenen!? Auklands & Co. würden natürlich zwischenzeitlich nicht von einer „Mode“, sondern schon eher von einem Dogmen-Wechsel sprechen, der gekommen ist um zu bleiben.

3. Fehlschluss: Ja – es ist so, dass Skimarathons in den letzten Jahren nur noch ohne Steigwax gewonnen worden sind. Man begeht m.E. jedoch einen Fehlschluss, wenn man daraus ableitet, dass Doppelstock (DP) für Jedermann die schnellere Technik sei.

Profi-Sportler haben andere Voraussetzungen in Bezug auf Ausdauer, Kraft, technischem Können, Material, Betreuung, etc. Was dort unter Umständen die schnellste Lösung ist, muss für einen Amateursportler noch lange nicht die schnellste Lösung sein. Und es gibt noch einen anderen wesentlichen Unterschied: Bei den besten Athleten geht es ums Gewinnen – nicht um die bestmöglichste Zeit! Man nimmt es dann z.B. in Kauf, dass man an den Anstiegen des Vasalaufes Zeit verliert, weil es wichtiger ist auf den letzter Kilometern eine schnellen Ski zu haben und einen möglichen Zielsprint gewinnen zu können.

Wenn ich im Fernsehen bei der Tour de France sehe, mit welchen Übersetzungen und Kurbeln dort an den Alpenpässen gefahren wird, dann komme ich ja auch nicht auf die Idee zu sagen, dass meine Kompaktkurbel mich langsam an den Bergen machen würde und dass ich mit „Heldenkurbel“ und entsprechender Übersetzung schneller wäre!?

4. Technische Herausforderung der Klassischen Technik: Meine Vorredner haben es angesprochen, dass es nicht so leicht ist diagonal sauber und gewinnbringend zu laufen. Der Großmeister Klæbo sagt in seinen Technikvideos, dass die diagonale Technik die anspruchsvollste im Skilanglauf sei. Ich erinnere mich an Tischgespräche in der Jugendherberge in Pontresina vor dem „La Diagonela“. Da wurde klar, dass es viele Sportler gibt, die DP laufen, weil sie nichts anderes können – nicht weil es schneller ist.

5. Herausforderung Steigwaxen: Carsten hat es bereits angesprochen, dass das Steigwaxen eine Herausforderung ist. Da kommt bei der Skipräparation eine „weitere Baustelle“ hinzu. Es handelt sich um ein Handwerk, das man üben muss, um es zu beherrschen. Manchmal klappt es und man fühlt sich wie der „King“ und einen Tag später kann man sich schon wieder wie der größte Trottel fühlen, wenn man mit einem glatten Ski an einem Anstieg wie eine Ente rumwatschelt 😮 Und dann wird man ganz schnell zum „Schieber“ – ob man es will oder nicht 😉 Es gibt natürlich auch Bedingungen, bei denen es einfach schwierig ist zu waxen (z.B. die berühmt-berüchtigten „Zero-Conditions“ oder wechselnde Bedingungen auf einer langen Strecke).

6. Bremswirkung Steigwax: Dies war vielleicht einer der Hauptgründe, warum man angefangen hat auf das Steigwax zu verzichten? Was bergauf „bremst“ bzw. Stieg gibt, kann potentiell auch bergab bremsen oder im DP zumindest ein „träges Gefühl“ geben. Soweit so gut. Aber da fehlt mir etwas die Erfahrung bzw. die Vergleichsmöglichkeit: Verliert man mit einem gut oder kurz gewaxten Ski wirklich viel Gleitvermögen? Wie sind Eure Erfahrungen?

7. Training und Können: Ein alter Trainingsgrundsatz sagt „Du kannst, was Du trainierst.“ Von daher ist es schwierig herausfinden zu können, ob gewaxte oder „glatte“ Ski wirklich schneller sind. Die Langdistanz-Profis trainieren nur noch DP. Wenn dann jemand wie Eliassen vor einigen Jahren beim La Diagonela doch wieder einen Steigwax-Ski testet, dann weiß man nicht, ob der Mißerfolg daran lag, dass der Steigwax-Ski einfach langsamer war oder dass Eliassen einfach nicht mehr genug Übung in der diagonalen Technik hatte!? Und was für Eliassen und andere Könner gilt, gilt für einen Amateur wie mich umso mehr: Ich muss das trainieren, das ich anwenden möchte.

8. Problem Technikwechsel: Wenn ich in einer Technik lange unterwegs bin fällt es mir leider schwer in eine andere zu wechseln. Beispiel: Ich bin viele Kilometer im DP unterwegs und komme dann schon ein bisschen müde und „steif“ an einen Anstieg und möchte in die Diagonal-Technik wechseln. Dann läuft das leider zunächst unrund und wackelig und ich bekomme schwer Stieg 🙁 Auf der anderen Seite bin ich versucht mich in Anstiegen im DP zu schonen, wenn ich Steigwax unter den Skiern habe. Wenn ich keines hätte, gäbe es keine Alternative und ich würde zügig durchziehen und wäre evtl. schneller unterwegs?

8. Einseitige Belastung und Gesundheit: Auch wenn ich in einem Skilanglaufrennen möglichst schnell sein möchte, so mache ich das trotzdem zum Spaß und für meine Gesundheit. Man hört nicht soviel davon, aber auf Nachfrage erfährt man dann schon von dem einen oder anderen Athleten, dass er hier und da seine „Wehwehchen“ hat. Einseitiges DP-Training kann m.E. nicht gerade gesund sein (z.B. Ellenbogen, Rücken, etc).

9. Abwägung von Kosten und Nutzen: Ich bin mir äußers unsicher, wie stark die Vor- und Nachteile von „glatten“ Skiern de facto sind. Gehen wir davon aus, dass ich beim Gleitvermögen einen deutlichen Vorteil habe. Die Gegenfrage muss dann aber sein, wieviel ich in den Anstiegen an Zeit und Kraft durch die deutlich höhere Belastung verliere? Und wie wirkt sich dies auf meine Performance in den einfachen Passagen aus, die eindeutig „DP-Gelände“ sind!? Meiner Erfahrung nach ist man als Amateur in der diagonalen Technik im Anstieg nicht mega-viel schneller, als im DP. Aber was kommt danach!? Carsten hat es ganz prägnant gesagt: „Am Ende kackt die Ente“ Fragt sich nur noch, ab wann und wieviel die Ente „kackt“!?

10. Ästhetik: Als ich jung war fand ich die klassische Technik peinlich – eine „klassische Opa-Technik“. Mittlerweile sehe ich das anders. Die diagonale Technik hat schon etwas von Eleganz!Wenn sich hingegen jemand mühevoll im DP die Berge hoch quält, dann ist das selten ästhetisch 😉 Auf der Flüela-Loipe (Davos) haben sie mir bei so einer Gelegenheit hinterher gerufen: „Was habt ihr gewaxt!?“ Wie gesagt: Tempo zählt – aber man muss sich ja nicht zum Affen machen, nur weil man meint wie die Profis unterwegs sein zu müssen 😉 Und ich erinnere mich an einen älteren Herrn, der schon auf den ersten 10 – 20 km beim Vasa bei jedem Anstieg gestöhnt hat, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen. Das ist weder schön, noch kann es gesund sein oder Spaß machen.

11. Regel-Konformität: Auch das wurde bereits angesprochen. Mich stört es zutiefst, wenn Leute meinen nur DP schieben zu müssen – es aber nicht können oder wollen und dann mogeln. Auch im Profi-Bereich ist man da m.E. nicht konsequent genug. Ich verweise z.B. auf den super-schnellen Vasalauf 2021. DP ist ok – dann aber bitte richtig und zwar für alle! Ansonsten muss disqualifiziert werden.

12. Streckenprofil und Wetter: Selbstverständlich spielt beides in die Entscheidung mit ein und ungünstiges Wetter kann auch aus einer „leichten Loipe“ eine ziemliche Herausforderung machen. Wenn die Spur fest und schnell ist, sind weitaus steilere Anstiege im DP zu schaffen, als bei schlechter und langsamer Spur. Das Problem ist für mich allerdings, dass ich mich schon im Frühjahr und Sommer entscheiden muss, was ich trainiere, um es im Winter dann auch abrufen zu können.

 

Das waren jetzt ziemlich viele Gedanken und Überlegungen – was jetzt aber wirklich „besser“ und schneller für mich und viele andere Volksläufer ist – das frage ich mich immer noch!

Teilnehmer

Letztlich ist es doch immer die Frage, was will ich und was kann ich? Ich kann mich erinnern, als ich als Jugendlicher noch wirklichen Leistungssport betrieben hatte und mein Wachser (in dem Falle mein Vater) auf die Idee kam, dass ich (ohne vorheriges  spezielles Training) einen Lauf doch mal ohne Steigwachs machen sollte. Ergebnis war so ernüchternd, dass ich das nie mehr probiert hatte. Mein Fazit war damals schon: Was ich da am Berg an Zeit und Kraft verliere, kann ich in der Ebene nie wieder reinholen und fehlt mir hinten an Kraft. Es ist natürlich immer auch profilabhängig. Beim KLL in Oberammergau mit seinen langen Schiebepassagen hatte ich auch mal kurz daran gedacht. Dagegen beim Ganghofer in Leutasch wäre das Wahnwitz. Meine Meinung ist, dass ein wirklich gut gewachster Ski auch mit Steigwachs nicht merkbar langsamer ist als ohne. Zumindest für den (sehr) gut trainierten Normalo. Und von der Ästhetik her bin ich eh ein Fan des klassischen Langlaufes mit Diagonal am Berg. Es muss ja nicht so animalisch sein wie Juha Mieto in Lake Placid ’80. Meine Meinung mit Augenzwinkern: Jemand, der immer nur schiebt, muss keinen Langlauf, sondern nur Kraft haben und sich nur in der Spur halten können. Das sieht man spätestens beim Spurwechsel oder in der Abfahrt – selbst bei den Profis 😉 Zu meinem Eingangsgedanken – letztlich macht jeder wie er denkt und kann und was er erreichen will. In diesem Sinne – egal, welche Technik, welches Ziel – uns alle vereint die Liebe zum schönsten Sport der Welt – Ski heil!

  • Diese Antwort wurde geändert vor 1 Tag, 2 Stunden von Frank Maar.
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