Svalbard-Ski-Marathon: Der Kampf gegen den inneren Schweinehund im Reich der Eisbären - xc-ski.de Langlauf

Svalbard-Ski-Marathon: Der Kampf gegen den inneren Schweinehund im Reich der Eisbären

Endlos lange Anstiege © Thorsten Kutschke

König-Ludwig-Lauf, Marcialonga, Vasaloppet… irgendwann ist der aktive Volks-Skiläufer überall dabei gewesen und hat seine ganz persönlichen Herausforderungen bestanden bei den großen Worldloppets. Dann gibt´s drei Möglichkeiten: Erstens: Aufhören und ein neues Hobby suchen? Fällt aus! Zweitens: Härter trainieren und seine Bestzeiten bzw. Platzierungen verbessern? Fällt schwer! Drittens: Neue und exotischere Herausforderungen suchen? Das lockt!
Bisher noch ein Geheimtipp – und alles andere als ein Spaziergang! – ist der nördlichste Volks-Skilauf der Welt: Der Svalbard-Skimarathon (42km klassisch) auf Spitzbergen.

Lautlos gleitet die Maschine durch den wolkenlosen Himmel – von Berlin sind wir über Oslo nach Tromsö in Nord-Norwegen geflogen und befinden uns jetzt schon auf dem 80minütigen Weiterweg nach Spitzbergen – über dem endlosen Polarmeer weit oberhalb vom Nordkap. Scheinbar still liegt das Polarmeer unter uns, es ist kurz vor Mitternacht, als im Licht der tief stehenden Sonne am Horizont Eisberge auftauchen. Riesige Eisberge, die sich beim Näherkommen nicht als schwimmende Blöcke entpuppen, sondern als gewaltige Gipfel, die fast 2000 Meter hoch in den Himmel ragen. Das GPS-Gerät zeigt 78 Grad nördlicher Breite, wir schweben im Sinkflug über dem Svalbard-Archipel – Spitzbergen! Und wir können uns an der landschaftlichen Szenerie kaum satt sehen. Schnee und Eis, soweit das Auge reicht. Die Landung in der Hauptstadt Longyearbyen wird so etwas wie (m)eine ganz persönliche Mondlandung.

Eine klirrend-trockene Kälte empfängt uns auf der kleinen Landebahn direkt am zugefrorenen Eisfjord. 26 Grad minus zeigt das Thermometer, es ist Ende April. Wir schleppen die Skisäcke samt Wachsbock zum Bus, der uns im grellen Licht der Mitternachts-Sonne in unser bescheidenes Quartier befördert. In „Mary-Anns Polar Rigg“ – einer holzverkleideten Baracke, in der vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Bergleute gehaust haben, weist uns die quirlige Chefin ein Zimmer für 5 Personen zu, dass pro Nacht stolze 70 Euro pro Person kostet und gerade mal 17 Quadratmeter groß ist, inklusive Duschkabine, für deren „Begehung“ wir jedes Mal eine Matratze beiseite schieben müssen, welche die Tür versperrt! Wohnen auf Spitzbergen ist für Touristen ein verdammt teures Vergnügen… Und das Skilaufen in der arktischen Einsamkeit kein ganz Ungefährliches, wie wir später noch erfahren werden.

Es ist zwei Uhr nachts, aber die Neugier ist stärker als die Müdigkeit. Also raus in die Kälte! Und auf einem ersten kurzen Spaziergang tief einatmen und spüren, wie sich das anfühlt auf einem Fleckchen Erde, wo die Zeit scheinbar still steht. „No Mans Land“ – so hieß Spitzbergen lange… Entdeckt und erstmals erwähnt in den Aufzeichnungen der isländischen Seefahrer Ende des 12. Jahrhunderts, die dem lebensfeindlich-kalten Archipel allerdings keinerlei Bedeutung beimaßen. Als der holländische Kapitän Barents im 17. Jahrhundert vor den Westküsten des Archipels kreuzte, taufte er das Land mit Blick auf die steilen eisigen Gipfel „Spitz-Bergen“ – heute die gebräuchliche Bezeichnung für den Archipel „Svalbard“, was nichts anderes heißt als „Land der kalten Küsten“. Lange Zeit waren die von 1000 Meter dickem Permafrost-Boden durchsetzten Inseln nur für polare Abenteurer von Interesse: als Anlauf-Punkt für viele Expeditionen ins Nordmeer. Endstation wurde Spitzbergen vermutlich für den norwegischen Polarforscher Roald Amundsen, der im legendären Wettlauf mit dem Briten Scott im Jahre 1911 als erster Mensch den Südpol erreicht hatte. Beim Versuch, den Nordpol mit einem Zeppelin zu überfliegen, blieb der norwegische Nationalheld im Juni 1928 nach einer Zwischenlandung in der weißen Unendlichkeit Svalbards verschollen.


Dieses Schicksal bleibt uns in der sehr überschaubaren Innen-„Stadt“ von Longyearbyen erspart. Frisch, munter und neugierig starten wir am nächsten Morgen unsere Erkundungs-Tour. Wir wollen den Adventdfjorden, umrunden. Der Sund ist bis zur Hälfte zugefroren, am gegenüberliegenden Ufer erkennen wir große Holz-Konstruktionen, Überreste von einem halben Jahrhundert Steinkohle-Bergbau. Dahinter türmen sich glatt geschliffene Gipfel-Gebilde auf, wie man sie nur hier findet – im hohen arktischen Norden. Bevor wir auf unsere Erkundungstour mit den robusten Back-Country-Skiern starten und die gerade mal 1000 Einwohner zählende Haupt-„Stadt“ verlassen, müssen wir uns im gut sortierten Sportgeschäft registrieren lassen – und ausrüsten. Mit einem Großkaliber-Gewehr, dessen Alter wir an der Gravur im Lauf ausmachen können. Da prangen noch die eingekerbten Insignien der deutschen Wehrmacht und Marine, die im 2. Weltkrieg mehrere Wetterstationen auf dem arktischen Archipel unterhalten hatte. Ohne Waffe, so belehrt uns der junge Verkäufer hinterm Tresen, darf hier niemand den Ort verlassen. Etwa 3000 Eisbären leben auf und um Spitzbergen. Allein in den letzten 10 Jahren, so erzählt uns der Mann im Sportladen, sollen drei Menschen ihre Begegnung mit dem König der Arktis mit ihrem Leben bezahlt haben.

Bei einem (nicht sehr erfolgreichen) Probeschießen auf Blechbüchsen werden wir eingewiesen und belehrt: Die Waffe sei nur im Notfall anzuwenden, im Klartext: Beim eventuellen Angriff eines Eisbären frühestens dann, wenn sich das Tier auf eine Distanz von unter Metern nähert. So will es das Gesetz auf der norwegisch verwalteten Inselgruppe, und wir erfahren außerdem, dass jeder, der einen Eisbären erschießt, sich dafür vor Gericht erklären und verantworten muss.

Immer wieder schweifen unsere Blicke während der Tour ins Gelände. So gern wir vielleicht den König der Arktis vor unsere Kamera bekommen würden, so froh sind wir doch andererseits, dass uns diese Begegnung nicht widerfährt. Was wir aber sehr wohl lernen auf dieser Ski-Wanderung in die weiße Unendlichkeit: Der trockene Schnee hier oben ist stumpf wie Sandpapier, und: Es ist in den weitläufigen Tälern schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit, Entfernungen vernünftig einzuschätzen!

Beim Svalbard-Ski-Marathon müssen wir das nicht, denn wir wissen: Genau 42 Kilometer ist die Strecke lang, führt aus der Bucht von Longyearbyen, dem Adventdalen durch einen lang gezogenes Tal über einen Pass in eine Nachbarbucht – und dann wieder zurück. Mehr als 900 Höhenmeter weist das Profil der Strecke aus. Kein Pappenstiel! Dem gut funktionierenden Handy-Netz sei Dank können wir uns am Vorabend des Rennens fernmündlich von Arne Kluge (Ex-Ski-Techniker in der deutschen Langlauf-Nationalmannschaft) beraten lassen, welche Wachsmischung auf dem staubtrockenen Alt-Schnee für gute Fahrt sorgen könnte. Für den Stieg in diesem Klassik-Rennen bleibt sowieso nur eine Wahl: Toko grün, normalerweise ein Basis-Wachs…

 Gut 200 Wagemutige stehen am nächsten Morgen mit uns auf der einer großen, schneebedeckten Wiese. Start- und Ziel-Bogen werden gerade erst provisorisch in den gefrorenen Boden gehämmert, jeder Teilnehmer wird namentlich begrüßt und muss mittels Handzeichen aus dem Startgarten anzeigen, dass er tatsächlich anwesend und gewillt ist, auf die Strecke zu gehen. Es wird akribisch durchgezählt, damit in der weißen Einsamkeit auch ja keiner verloren geht! Wie früher im Schulsport – das sorgt für Amüsement und gute Laune im Pulk der wartenden Skiläufer.

Startschuss! Sofort fliegt das Feld auseinander… Die ersten 11 Kilometer, ein stetig lang gezogenes Bergauf. Schnell bilden sich Mini-Grüppchen: 3, 4 oder 5 Läufer, die ungefähr im gleichen Takt und Tempo mit langem Diagonalschritt dem Pass entgegen laufen. Knapp zwei Monate vorher hatte ich den Vasaloppet in sechseinhalb Stunden bewältigt, doch hier: Kein Vergleich mit der flotten Schieberei über die zugefrorenen Seen im schwedischen Dalarna. Hier fällt jeder Schritt im knirschenden und reifüberzogenen Schnee schwer, der lange Anstieg kostet schon verdammt viele Körner. Auch Lutz Reichel, passionierter Triathlet, Marathonläufer und bärenstarker Ski-Marathoni aus der Nähe von Dresden, schimpft: „So was Stumpfes hatte ich noch nie unter den Füßen!“ – „Egal!“, lache ich, „dann ist das schöne Abenteuer hier wenigstens nicht so schnell zu Ende!“

Oben am Pass gibt’s Verpflegung: Heißen Tee, Apfelsinen, Schokolade. Vor uns öffnet sich ein langes breites Tal, in der Ferne kann ich – stecknadelgroß nur – die Spitzenreiter erkennen. Endlich bergab jetzt! Doch die Vorfreude weicht schlagartig jähem Entsetzen. In der sanft abschüssigen Loipe ist nix mit Abfahrtshocke und „laufen lassen“… träge und scheinbar wiederwillig kriechen die Bretter dahin. Es ist, als hätte man Leim unter der Sohle. Selbst im kräftigen Doppelstockschub geht es nur mühsam talwärts… Immer weiter reißt das Feld auseinander, spätestens bei Kilometer 15 ist hier fast jeder ein Einzelkämpfer. Als ich den Wendepunkt im Tal erreiche, bin ich schon fix und fertig. „Jetzt bloß keine schlechte Laune bekommen“, trichter ich mir selbst immer wieder ein. Stattdessen lieber den Blick schweifen lassen in diese unermessliche Unendlichkeit – und am Wegesrand einfach mal ein kurzes Schwätzchen halten mit den Herrschaften der „Eisbären-Wacht“. Aller 2 km steht ein Schneescooter an der Strecke, mit Personal in neongelber Leuchtweste und einem Schießeisen griffbereit, wie auch wir es bei unserem Erkundungs-Gang samt Großkaliber-Munition auf dem Buckel hatten. Ob es denn beim Skimarathon schon Zwischenfälle mit Eisbären gegeben habe, will ich wissen, während ich mir mühsam einen Power-Riegel einverleibe. Der „Isbjoern“-Wächter schüttelt lachend den Kopf und beruhigt mich: „Nein. Aber Gesetz ist Gesetz. Und sicher ist eben sicher!“ – Auch ich muss lachen: So leer gepumpt und matschig, wie ich mich auf meinen schmalen Brettern heute fühle, wäre ich bestimmt keine lohnende, sprich: leckere – Frühstücksbeute.

Beim neuerlichen Aufstieg zurück in Richtung Passhöhe ist an Doppelstock-Einsatz schon gar nicht mehr zu denken, brav und bescheiden ackere ich mich im Diagonalschritt wieder in Richtung Pass-Höhe. Tröstlich allenthalben, dass da manche(r) noch mehr leidet und freundlich aus der Spur tritt, wenn ich überhole. Froh, mal eine Verschnaufpause zu haben. Auch die Kälte zehrt aus, herzerwärmend dafür die unvergesslichen Fernblicke ins scheinbar ewige Weiß. Diese fantastische Kulisse allein ist die Quälerei wert!!! In diesen Momenten drückt auch der Rucksack nicht mehr ganz so schwer, den hier jeder Teilnehmer obligatorisch mit mindestens 3 Kilogramm Verpflegung und warmen Sachen mit durch die Loipe schleppen muss.

Nach 3 Stunden und 55 Minuten schiebe ich mich mehr schlecht als recht durch den kleinen Torbogen mit der Aufschrift „Mal“, das Ziel! Die Zeit ist mir längst völlig schnuppe, der Körper ist ausgelaugt, aber die Seele jubelt! Durchgehalten, angekommen und das Erlebnis einer traumhaften Landschaft selbst Schritt für Schritt mit eigener Kraft erarbeitet! Das ist es, was hier zählt! Der Vollständigkeit halber dennoch studiere ich die Zettelwirtschaft an der Holztafel mit den Resultate: Der schnellste Herr hat ganze 2:01 Sunden für den stumpfen Track benötigt, die schnellste Dame 2:27 Stunden. Ob die auch einen Blick hatten für´s grandiose Panorama?

Das abendliche Bier im einzigen Pub der Stadt mit dem (irreführenden!) Namen „Cafe Busen“ könnte köstlicher nicht schmecken! Draußen vor dem Fenster strahlt die Mitternachts-Sonne und vertreibt unsere Müdigkeit – schlafen können wir auf der langen Heimreise noch genug. Unsere Zeit ist hier oben nach 4 Tagen leider viel zu schnell vorbei: Ein letzter sehnsüchtiger Blick aus dem Flugzeug-Fenster: Wie eine weiße Fata Morgana entschwinden die weißen Inseln am Horizont des Polarmeers – und ich spüre innerlich schon die Gewissheit: Ich komme wieder! Dann ganz bestimmt mit der Tourenski-Ausrüstung im Gepäck, um die Faszination der Arktis in den menschenleeren Tälern von Spitzbergen noch authentischer und noch intensiver zu erleben! Gern bitteschön auch dann wieder ohne eine leibhaftige Begegnung mit dem „König der Arktis“!

Infos unter:
www.longyearbyen-camping.com
svalbardturn.no/index.php?id=135
Reiseveranstalter: z.B. „Schulz-Aktiv-Reisen“ Dresden, www.schulz-aktiv-reisen.de
Termin für 2013: 27. April

Der Autor:

Thorsten Kutschke (42) lebt und arbeitet als freiberuflicher Journalist und Filmemacher in Dresden. Er moderiert u.a. das Bergsteiger-Magazin „Biwak“ im MDR-Fernsehen und berichtet seit mehr als einem Jahrzehnt über den internationalen Ski-Zirkus. In eigener Regie verantwortet er die Berg-Film-Edition „Traumtouren-Film“ (im Internet unter www.traumtouren-film.de)

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